Gesundheitspolitik : Heimbewertung: Noch einzupflegen

Beim Pflegetag der Deutschen Angestellten-Krankenkassen am Donnerstag haben Experten darüber diskutiert, wie die Qualität der Pflege verbessert werden kann. Ist das seit dem vergangenen Jahr angewandte Bewertungssystem sinnvoll?

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Ob Qualität in der Pflege messbar ist, darüber wird heftig gestritten. Es geht dabei vor allem um die Frage des Wie. Denn die rund 11 000 Pflegeheime in Deutschland sollen schon Ende 2010 allesamt benotet sein, von sehr gut bis mangelhaft, wie in der Schule. Rund 2900 Heime wurden bereits bewertet. Das Schema ist simpel, und darin liegt das Problem. Der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach von der SPD findet die Ergebnisse „verwirrend“. Dagegen bezeichnet die Staatssekretärin aus dem Gesundheitsministerium Annette Widmann-Mauz (CDU) erste Eindrücke als „sehr gut“. Einig sind sich alle Beteiligten nur darin, dass das System mit den öffentlichen Bewertungen alternativlos ist.

Seit Juli 2009 drohen den Heimbetreibern in Deutschland nicht nur unangemeldete und schärfere Kontrollen. Anders als zuvor erfährt die Öffentlichkeit auch von den Ergebnissen. Im Internet wurde dafür ein Portal eingerichtet (www.pflegelotse.de). Mit zwei Mausklicks kann man die Pflegeheime aus der Umgebung miteinander vergleichen. Zur schnelleren Übersicht erhält jedes Heim eine Gesamtnote. Die Pflegeheime sind verpflichtet, ihr „Zeugnis“ auszuhängen. Pflege soll für die rund 2,1 Millionen betroffenen Menschen in Deutschland transparenter werden. 1,4 Millionen von ihnen werden zu Hause versorgt und 700 000 in entsprechenden Einrichtungen, Tendenz steigend.

Der Notenschnitt aller bislang geprüften Einrichtungen liegt bei 2,1. Kritiker sagen, dass die Heime im Durchschnitt damit zu positiv bewertet sind. Das könnte daran liegen, dass der Medizinische Dienst der Krankenkassen das Notensystem gemeinsam mit den Pflegeheimen erarbeitet hat. Gesundheitsexperte Lauterbach sagt, dass sich die Pflegeheime mit den zu guten Noten auf lange Sicht sogar selbst schaden. „Wenn die Heime zukünftig mehr Geld für ihren Sektor wollen, dann kann sich jeder Politiker doch ganz einfach verstecken und fragen: Wofür braucht ihr Geld? Ihr seid doch spitze.“ Dabei gebe es erhebliche Mängel im Bereich der Pflege, finanzielle Mittel fehlten. „Ich könnte jeden Tag einen neuen Skandal ausbreiten“, sagt Lauterbach, aber das würde das Vertrauen in die Heime unnötig schwächen. „Ich kenne Vorfälle aus Pflegeheimen, die sich ein Laie kaum vorstellen kann. Da geht es zum Teil sehr hart zur Sache.“

Was in die Gesamtnote der Heime einfließt und mit welcher Gewichtung, ist umstritten. Bislang wird die Gesamtnote anhand von 64 Einzelkriterien errechnet, davon 35 aus dem Kernbereich der pflegerischen und medizinischen Versorgung. Problematisch ist, dass Pflegeheime schlechte Noten aus dem Kernbereich mit guten aus nebensächlichen Bereichen ausgleichen können. So kann der falsche Umgang mit Medikamenten zum Beispiel mit der Lesbarkeit des Speiseplans ausgeglichen werden.

Der Pflegeexperte Christian Loffing plädiert deshalb sogar dafür, erst gar keine Gesamtnote zu erstellen. Als Beispiel führt er die eigenen Eltern an: „Wenn die eine Gesamtnote von 3,7 sehen, dann steht dieses Heim für sie nicht mehr zur Diskussion.“ Doch auch Pflegeeinrichtungen mit einer unterdurchschnittlichen Bewertung könnten durchaus Vorteile haben.

Staatssekretärin Widmann-Mauz gibt zu, „dass uns die Gewichtung der Kriterien Probleme bereitet“. Von der Gesamtnote will sie aber wie die meisten Experten nicht abrücken. Stattdessen soll an der Gewichtung gefeilt werden. Ergebnisse dazu seien „in diesem Jahr“ zu erwarten.

Peter Pick hat die Kriterien für die Benotung mitentwickelt. Der Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen sieht ebenfalls Bedarf zur Nachbesserung. „Wir werden einige Kriterien herausnehmen und bessere Methoden zur Befragung von Patienten entwickeln“, sagt Pick. Die derzeitigen Patientenbefragungen erweisen sich nämlich als größtenteils unbrauchbar, weil die meisten Heimbewohner ihre Umgebung offenbar unkritisch wahrnehmen. Von mehr als 95 Prozent der Bewohner erhalten die Heime Bestnoten. Diese Zahl erinnere leider an Wahlergebnisse der DDR, räumt Pick ein. Daran wie auch am gesamten System müsse weiter gearbeitet werden. Schließlich werde sich der Pflegemarkt in den kommenden Jahren allein aus demografischen Gründen noch erheblich erweitern.

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