Gesundheitspolitik : Krankenkasse zweifelt an teuren Diagnoseverfahren

Deutsche werden besonders oft mit MRT oder CT untersucht – Fachleute warnen vor der Strahlenbelastung. Die Industrie treibt die Nachfrage in die Höhe, heißt es im Barmer Arztreport.

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Berlin - Deutsche Patienten werden weltweit am häufigsten mit teuren Kernspintomografien (MRT) untersucht. Mit 97 Untersuchungen je 1000 Einwohner liege Deutschland bei diesem Diagnoseverfahren an der Spitze, heißt es im „Arztreport 2011“ der Krankenkasse Barmer GEK. Im Jahr 2009 wurden insgesamt 5,9 Millionen Menschen in die „Röhre“ gesteckt, das waren mehr als sieben Prozent der Bevölkerung. Rund sechs Prozent der Deutschen (4,9 Millionen Personen) erhielten 2009 außerdem mindestens eine Computertomografie (CT).

Dass die teuren Untersuchungen immer sinnvoll sind, bezweifelt Friedrich-Wilhelm Schwartz, Professor am Institut für Sozialmedizin in Hannover. „In welchen Fällen das MRT sinnvolle therapeutische Konsequenzen nach sich zieht, die ohne MRT ausgeblieben wären, lässt sich nur schwer quantifizieren“, sagte der Gesundheitswissenschaftler, der zu den Autoren des Arztreports gehört. Bei Kniebeschwerden beispielsweise gebe es sogar bei beschwerdefreien Personen fast immer einen pathologischen Befund. Außerdem zeigten Erfahrungen aus der Schweiz, dass es angesichts der „Bilderflut“ nur in weniger als 50 Prozent der Fälle auch angemessene therapeutische Konsequenzen gebe.

Bei beiden Diagnoseverfahren gab es in den vergangenen Jahren einen rasanten Anstieg: Die Zahl der Kernspin-Analysen stieg seit 2004 um 41 Prozent, die der CT-Untersuchungen um 26 Prozent. Angesichts der geschätzten Gesamtkosten von rund 1,76 Milliarden Euro im Jahr mahnte der stellvertretende Vorstandschef der Krankenkasse, Rolf-Ulrich Schlenker, diese Medizintechnik nicht nur deshalb einzusetzen, weil sie modern sei. Außerdem warnte er vor zunehmender Strahlenbelastung durch CT-Nutzung. Während die MRT-Bilder von inneren Organen mithilfe von Magnetfeldern und Radiowellen entstehen, sind die Patienten bei CT-Aufnahmen Röntgenstrahlen ausgesetzt.

Dass die Zahl der Untersuchungen so stark gestiegen ist, führt der Wissenschaftler Schwartz nicht in erster Linie auf die Alterung der Bevölkerung zurück. „Der Treiber ist die Technik und nicht das Alter“, sagt er. Dass es in Deutschland so viele MRT- und CT-Geräte gebe, könne auch daran liegen, dass Deutschland Weltmarktführer bei medizinisch-technischen Geräten sei. Bei den Untersuchungen handele es sich auch um eine „angebotsgesteuerte Leistung“.

Laut Arztreport gingen außerdem im Jahr 2009 mehr als 90 Prozent der Deutschen mindestens einmal im Jahr zu einem niedergelassenen Arzt. 40 Prozent der Patienten suchten vier oder mehr verschiedene Ärzte auf. Kassenfunktionär Schlenker bewertete dies jedoch noch nicht als ein Anzeichen für Ärztehopping. Die häufigste Diagnose in dem Untersuchungszeitraum war Bluthochdruck, etwa jeder vierte Patient in Deutschland litt daran. Überdurchschnittlich stark waren dabei die Ostdeutschen betroffen: Bei ihnen lag die Diagnoserate um 20 Prozent über dem Schnitt. Ähnliche Ost-West-Unterschiede gibt es laut der Studie bei Diabetes.

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