Gesundheitspolitik : "Legale Form der Korruption"

Der SPD-Experte Lauterbach kritisiert Ärzte, die sich Arzneistudien von Pharmaindustrie bezahlen lassen.

Rainer Woratschka
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Wem nützt es? Patienten sollten nachfragen, wenn Ärzte sie auf ein neues Medikament umstellen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlin - Die Kritik kommt aus den eigenen Reihen. Immer mehr niedergelassene Mediziner, so klagt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), lassen sich von der Pharmaindustrie für Arzneistudien an ihren Patienten bezahlen. Allein im vergangenen Jahr wurden in deutschen Arztpraxen 85 000 sogenannte Anwendungsbeobachtungen registriert. Die Zahl der verwendeten Präparate lag bei 235, die der Studienteilnehmer stieg um fast fünf Prozent. Diese Entwicklung sei besorgniserregend, heißt es bei der KBV, viele dieser Studien dienten offenbar allein dem Ziel der Verkaufsförderung.

Es handle sich um „das meistverbreitete Marketinginstrument der Industrie“, sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem Tagesspiegel. Die gut honorierten Studien seien nichts anderes als eine „legale Form der Korruption“. Wenn Mediziner die Verschreibung bestimmter Arznei honoriert bekämen, bevorzugten sie diese natürlich gegenüber gleichwertigen anderen Mitteln – „und womöglich sogar dann, wenn sie sich für den Patienten leicht nachteilig auswirken“.

In abgeschwächter Form erheben diesen Vorwurf auch die Arzt-Funktionäre. „Das Ziel einer schnelleren Umsatzsteigerung ist sicher nicht von der Hand zu weisen“, sagte KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller der „FAZ“. Aus wissenschaftlicher Sicht sei wohl jede zweite Anwendungsstudie überflüssig. Den Herstellern aber bringen sie Umsatz. Und den Ärzten Geld: Bis zu 1000 Euro Aufwandsentschädigung erhalten sie pro Beobachtung, im Schnitt sind es 190 Euro. Auf diese Weise könnten Mediziner „pro Jahr leicht 20 000 bis 30 000 Euro zusätzlich generieren“, so Lauterbach. Als Arbeitsleistung werde von ihnen „oft nur verlangt, ein Din-A4-Formular auszufüllen und es aufs Fax zu legen“.

Nach KBV-Schätzungen hat sich 2008 jeder vierte Kassenarzt an einer oder mehreren solcher Studien beteiligt. Genaueres weiß man nicht, denn der Abgleich ist schwierig. Zwar muss die Industrie die Studien und deren Teilnehmer gemäß Arzneimittelgesetz neuerdings „unverzüglich anzeigen“. Häufig aber, so sagt KBV-Sprecher Roland Stahl, seien die Angaben unvollständig. Und die Ergebnisse behalten die Pharmafirmen auch für sich. Beobachtet haben die Funktionäre nur, dass auffällig viele teure Mittel für chronisch Kranke zum Zuge kommen.

Deutschland sei ein „Eldorado der Anwendungsbeobachtung“, sagt Lauterbach. Die Pharmafirmen wüssten, dass sie teure Produkte „anders nicht mehr in den Markt gedrückt bekommen“. Dabei gehe es nicht nur darum, andere Mittel zu verdrängen. Ein Ziel sei es auch, dass Patienten schon in einem möglichst frühen Diagnose- oder Krankheitsstadium behandelt werden. Da diese davon meist nichts wüssten, seien die Studien in höchstem Maße unethisch. Es handle sich dabei um dasselbe Prinzip wie bei den sogenannten Fangprämien, die niedergelassene Ärzte für die Überweisung ihrer Patienten an bestimmte Krankenhäuser erhalten.

Die Pharmahersteller verteidigen die Studien als unverzichtbares Instrument der Arzneiforschung. Doch die KBV warnt ihre Mitglieder. Anwendungsbeobachtungen seien „kein Standbein für eine Arztpraxis und im Zweifelsfall geeignet, das Vertrauensverhältnis von Arzt und Patient zu unterminieren“, sagt Müller. Er fordert deutlich strengere Meldevorschriften. Lauterbach nennt dies heuchlerisch. „Dadurch registriere ich die Korruption, verhindere sie aber nicht.“ Helfen könne nur die Verpflichtung, sich wirklich nötige Beobachtungen genehmigen zu lassen. „Mit ihrem unethischen Marketing verplempert die Industrie das Geld, das für seriöse klinische Studien fehlt.“

Zumindest informieren müssten Ärzte ihre Patienten bei Arzneistudien, fordern KBV und Kassen-Spitzenverband. Verbraucherschützer gehen weiter, sie verlangen eine ausdrückliche Einwilligung der Patienten. Bis dahin, so Stefan Etgeton vom Verbraucherzentralen-Bundesverband, helfe nur Misstrauen. „Bei der Umstellung auf neue Medikamente sollte man immer nach dem Grund fragen.“

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