Gesundheitspolitik : Steigende Kosten, mehr Eigenleistung

Der gesundheitspolitische Experte Fritz Beske fordert ein Ende des "Zuzahlungswirrwarrs". Er plädiert dafür, die bisherige Praxisgebühr abzuschaffen.

Rainer Woratschka

Berlin - Die Forderung klingt patientenfreundlich. Die Politik müsse endlich das „Zuzahlungswirrwarr“ für die gesetzlich versicherte Arzt- und Apothekenkundschaft beenden, fordert der Chef des Kieler Instituts für Gesundheits-System-Forschung, Fritz Beske. Ob Praxisgebühr oder Patientenobolus für Klinikaufenthalt und verschreibungspflichtige Arznei: Die geltenden Zuzahlungsverpflichtungen mit ihren Ausnahme- und Härtefallregelungen machten das System „zunehmend unüberschaubar“.

Das „klare Konzept“ jedoch, das Beske stattdessen verlangt, hätte für Kranke einen gewichtigen Nachteil: Sie müssten für ihre Versorgung weit tiefer in die Tasche greifen als bisher. So empfiehlt der Forscher für sämtliche medizinischen Bereiche ein System von Festbeträgen und Festzuschüssen wie beim Zahnersatz. Jede über eine klar definierte Grundversorgung hinausgehenden Leistung würde dann vom Versicherten „selbst bestimmt und selbst bezahlt“. Wobei Ersteres nicht in allen Fällen freiwillig sein dürfte, denn Beskes System würde, wie er selbst einräumt, „eine Reduzierung des heutigen Leistungsumfangs zur Folge haben“.

Seine Forderung begründet Beske mit steigenden Gesundheitskosten. Diesen könne man weder durch weitere Beitragserhöhungen noch durch immer mehr Zuzahlungen begegnen, sagt er. Ein Beispiel für ein misslungenes Gegenkonzept sei die Praxisgebühr. Zwar habe man im Jahr 2007 damit1,5 Milliarden eingenommen. Der bürokratische Aufwand jedoch sei enorm. Und die erhoffte „Steuerungswirkung“ sei auch verfehlt worden. Einerseits werde den Bürgern der Erstkontakt mit Medizinern erschwert, was gesundheitspolitisch nicht wünschenswert sei. Andererseits liege Deutschland mit 18 Arztbesuchen pro Jahr und Bürger international weiterhin einsam an der Spitze.

Beske plädiert deshalb dafür, die bisherige Praxisgebühr abzuschaffen. Denkbar wäre ihm zufolge, erst ab dem vierten Arztbesuch pro Quartal eine Gebühr zu erheben, die dann aber auch keinem erlassen werden dürfe. Im Gegenzug sollten Ärzte vom Patienten pro Hausbesuch zehn Euro erhalten. Damit könnten unnötige Anforderungen verhindert und Mediziner für ihren Aufwand besser entschädigt werden. Für die verbliebenen und neu zu ordnenden Zuzahlungen müsse zudem die niedrigere Belastungsgrenze für chronisch Kranke gestrichen werden. Statt bei einem Prozent des Jahreseinkommens läge sie dann wie bei allen anderen bei zwei Prozent. Betroffen wären davon mehr als sechs Millionen Menschen.

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