Gesundheitspolitik : Überflüssig und unanständig?

SPD und Krankenkassen beklagen, dass Ärzte zu häufig kostenpflichtige Zusatzuntersuchungen vorschlagen.

Rainer Woratschka

Berlin - Für niedergelassene Ärzte ist es eine zusätzliche Einnahmequelle. Doch Gesundheitspolitiker sehen die Ausweitung der sogenannten individuellen Gesundheitsleistungen (IGel), die von den Patienten selbst zu bezahlen sind, mit großer Skepsis. „Das Ausmaß, in dem ein Teil der Ärzte Patienten diese Angebote aufdrängt, ist unanständig“, sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD- Fraktion, Carola Reimann. Auf diese Weise werde „das Vertrauen der Patienten missbraucht“.

Die Dimension des ärztlichen Zusatzgeschäftes belegt eine Studie des Instituts für Sozialmedizin der Universität Lübeck. Demnach erhielten 41,7 Prozent der gesetzlich versicherten Patienten im vergangenen Jahr eine Behandlung gegen Bares angeboten oder forderten sie selber ein. Besonders auffällig ist, wie Mediziner dabei den Zusammenhang zu Leistungsbegrenzungen der Krankenkassen herstellten. So erhielten 43,3 Prozent der Patienten, nachdem sie mit einer solchen Begrenzung konfrontiert wurden, die angeregte oder erwünschte Leistung vom Arzt direkt danach als entsprechende IGel angeboten. Zwei Drittel nahmen diese Leistung dann auch in Anspruch.

Die meisten IGel-Angebote kamen von Augenärzten. 61,7 Prozent ihrer Patienten wurden innerhalb von zwölf Monaten damit konfrontiert, die Patientennachfrage lag bei nur 16,3 Prozent. Bei Frauenärzten betrug die Rate 45,9 Prozent und die der Nachfragenden 13,5 Prozent. Urologen erreichten ein ausgeglichenes Verhältnis mit etwas mehr als 20 Prozent. Am seltensten boten Hals-Nasen-Ohrenärzte Zusatzleistungen an (1,9 Prozent).

Am häufigsten offeriert wurden Augeninnendruckmessung (40,4 Prozent) und Ultraschalluntersuchung (24,6 Prozent). Krebsfrüherkennung schlug mit 14,6 Prozent zu Buche, alternative Heilmethoden wurden in 6,8 Prozent und Reisemedizin in 4,5 Prozent der Fälle angeboten. Je mehr Leistungsausgrenzungen oder Budgetdeckel es gebe, desto umfangreicher würden eben die „Angebote für erbringbare und sinnvolle Leistungen“, rechtfertigt Ärztekammer-Vize Frank-Ulrich Montgomery den Trend. Knapp 90 Prozent der Befragten gaben an, über Kosten und Nutzen aufgeklärt worden zu sein. Über potenzielle Risiken informiert wurden jedoch nur 45 Prozent. 8,1 Prozent fühlten sich vom Arzt bedrängt.

Aus Sicht der Ärztekammer soll dies nicht sein. Der Wunsch müsse klar vom Patienten ausgehen, heißt es dort. Und: Die Information müsse sich „deutlich von anpreisender Werbung unterscheiden“. Doch was ist Patientenwunsch und was ärztliche Überzeugungsarbeit? 20,5 Prozent der Befragten ärgerten sich beim Arztbesuch über Leistungsbegrenzungen. Am häufigsten berichteten darüber Patienten von Orthopäden, Allgemein- und Augenärzten. 53,8 Prozent der Ärzte erklärten ihnen, dass die Kassen für die entsprechende Leistung nicht mehr zahlten. 27,3 Prozent nannten ihr ausgeschöpftes Budget als Grund. Nur 11,8 Prozent räumten ein, dass das Ganze medizinisch nicht notwendig sei.

Genau darum aber gehe es, betont der Sprecher des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen, Florian Lanz. „Was medizinisch notwendig ist, wird von den Kassen bezahlt und muss nicht zugekauft werden.“ Bei IGel handele es sich dagegen um „medizinisch nicht notwendige Leistungen“. Und dass diese verstärkt unters Patientenvolk gebracht würden, zeige nur den „wachsenden Geschäftssinn der Ärzte“. Wenn Patienten solche Leistungen angeboten bekämen, müssten sie sich „immer bewusst sein, dass der Arzt auch als Verkäufer handelt“.

Und das darf er auch. Die Zusatzleistungen zu verbieten, würde in die unternehmerische Freiheit des Arztes eingreifen, gesteht die SPD-Politikerin Reimann ein. Nötig aber sei „eine ordentliche Trennung zwischen gesetzlichen und zusätzlichen Leistungen“. Dafür bedürfe es noch besserer Patienteninformation durch die Krankenkassen. Und auch die Mediziner müssten von den kassenärztlichen Vereinigungen besser unterwiesen werden.

Ob das hilft? Bei den meisten Kassen gibt es längst entsprechende Ratgeber, auch die Ärztekammer hat einen im Internet. Viele der Zusatzleistungen seien, warnt die AOK ihre Versicherten, „schlicht überflüssig und lediglich eine zusätzliche lukrative Einnahmequelle“ für Ärzte. Doch mehr als 80 Prozent der Mediziner bewerten sie als wirtschaftlich notwendig. Der Umsatz mit IGel wird auf knapp eine Milliarde geschätzt. Und mitunter , so klagen Kassen, verkaufe man den Patienten für teures Geld sogar Leistungen, die sie genauso erstattet bekämen – wenn sie medizinisch begründet wären.

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