Politik : Gesundheitssystem in der Krise: Ein Land sieht Weiß

Rainer Woratschka

Die Aussagen könnten unterschiedlicher nicht sein. Florian Gerster, Sozialminister in Rheinland-Pfalz und parteiinterner Antreiber von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), sieht die Kassenärzte öffentlich alimentiert und meint, damit müsse Schluss sein. Wer mal drin sei im System, habe die Garantie auf lebenslange Tätigkeit samt sechsstelligem Jahreseinkommen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hingegen präsentiert demnächst eine Publikation, die sich mit der wirtschaftlichen Unbill selbstständiger Mediziner beschäftigt. Ein Drittel der 3000 Praxis-Schließungen im Vorjahr sei auf Konkurse zurückzuführen.

Bei der Suche nach Sparmöglichkeiten und einem effizienteren Gesundheitssystem sind die Ärzte wieder verstärkt ins Blickfeld gerückt. Auch Ulla Schmidt will nun, dass sie sich mehr dem Wettbewerb stellen. Das Werbeverbot soll fallen, die Kassen sollen auch Einzelverträge abschließen dürfen. Gerster, dem Ambitionen auf die Nachfolge der glücklosen Bundesministerin nachgesagt werden, geht das nicht weit genug. Für ihn ist auch der "Sicherstellungsauftrag", der niedergelassenen Ärzten landesweit Job und Kundschaft garantiert, nur Hemmnis und Relikt "aus einer Zeit der Unterversorgung". Inzwischen gebe es "genug Angebot", sagt er, man müsse sich nun endlich um bessere Qualität kümmern.

Tatsächlich hat sich die Zahl der im Bundesgebiet niedergelassenen Mediziner seit 1960 mehr als verdreifacht. Laut KBV-Statistik stieg sie von 92 028 auf 291 171. Kamen vor 40 Jahren noch 793 Deutsche auf einen Arzt, so waren es Ende 1999 nur noch 282. Doch die Zahlen allein besagten gar nichts, heißt es bei der KBV. Schließlich müsse der medizinische Fortschritt ebenso berücksichtigt werden wie die demographische Entwicklung. Will heißen: Es gibt in Deutschland mittlerweile nicht nur sehr viel mehr alte Menschen, sondern damit auch immer mehr Kranke mit mehreren Leiden zugleich: "Die Wartezimmer sind voll."

Außerdem ist die Versorgung ungleichmäßig. Während Berliner Ärzte im Schnitt nur 195 Einwohner zu betreuen haben, sind es in Brandenburg 360. In Südwürttemberg herrscht Überversorgung, in den ostdeutschen Ländern fehlen schon heute niederlassungswillige Allgemeinärzte (siehe Artikel rechts). Die bayerische Ärztekammer warnt bereits: Assistenzarztstellen könnten nicht mehr besetzt werden, für Allgemeinmedizin lasse das Interesse beängstigend nach.

Glaubt man dem Marburger Bund, herrscht in den Krankenhäusern längst Personalnotstand. Arbeitsblöcke von 30 und mehr Stunden gehörten dort zur Tagesordnung, übermüdete Ärzte und gefährdete Patienten seien die Folge. Die Uni Gießen fand heraus, dass sich sogar die Mediziner selbst um ihre Gesundheit Sorgen machen müssten. Um die Missstände abzustellen, benötige man 15 000 zusätzliche Klinikärzte, sagt Verbandschef Frank Ulrich Montgomery. Frustrierend ist für viele Ärzte auch der zunehmende Schriftkram. 40 bis 50 Prozent ihrer Arbeitszeit verbrächten Mediziner inzwischen mit Bürokratie, schätzt Montgomery. Und die materiellen Bedingungen seien nicht so üppig, wie vielfach unterstellt. Anders als manche seiner Kollegen halte er zwar nichts von übertriebenen Verarmungsszenarien, die letztlich bloß den Medizinernachwuchs abschreckten. Angehende Ärzte müssten aber wissen: "Mit der Zulassung zum Studienplatz hat man nicht schon das Mercedes Cabrio gewonnen."

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