Gesundheitswesen : Klare Vorgaben statt Punktesystem

Honorarreform für Ärzte kann teuer werden

Rainer Woratschka

BerlinIn den Medizinergremien rauchen die Köpfe. „Hunderte von Arbeitssitzungen“ habe man schon hinter sich, stöhnt der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Roland Stahl. Es geht um Milliarden und deren gerechte Verteilung, womöglich gar um die Existenz der Kassenärztlichen Vereinigungen – aber eben auch um eine „echte Chance“, wie KBV-Chef Andreas Köhler betont. Die Rede ist von der versprochenen Honorarreform. Von 2009 an sollen die Ärzte eine neue Gebührenordnung bekommen. Darin sind dann die Preise für jede Behandlung erstmals in Euro und Cent festgelegt. Die verhassten Punktwerte sollen verschwinden, die Mediziner sollen von vornherein wissen, wie viel sie für welche Behandlung verdienen. Und vor allem: Sie sollen dann auch nach ihrer jeweiligen Leistung bezahlt – und nicht mehr dafür bestraft werden, wenn in ihrer jeweiligen Region zufällig besonders viele Behandlungen angefallen sind.

Krankenkassen und Gesundheitspolitiker hätten es dennoch am liebsten, wenn finanziell alles bliebe wie bisher. Das Geld sollte nur gerechter, sprich leistungsabhängiger, verteilt werden. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ist aber auch Realistin: Die Aufhebung der Budgets werde mehr kosten, räumt sie ein. Ihre Grenze liegt bei drei Milliarden Euro.

Die Ärzte wollen deutlich mehr. Sie argumentieren, dass bisher wegen der Budgets ein Drittel aller Medizinerleistungen nicht honoriert wurde. Macht bis zu acht Milliarden Euro. Allerdings hat der Fachausschuss für die Hausärzte allein schon einen Honorarmehrbedarf von 9,1 Milliarden Euro angemeldet. Bisher sind die Medizinerhonorare nicht an Patientenzahl oder Krankheitsaufkommen, sondern an die Grundlohnentwicklung gekoppelt. Brummt die Konjunktur, profitieren auch die Ärzte. Deshalb, so meinen nun manche, müsse es nun mit der Honorarreform doch gar nicht so schnell gehen. Der Wirtschaftsboom werde den Ärzten Honorarzuwächse deutlich über den Vorjahren bescheren. Doch die KBV warnt. Wenn man die „historische Chance“ jetzt nicht nutze, drohten Budgets auf ewig, so Stahl. „Irgendwann hören die wirtschaftlich besseren Zeiten auch wieder auf.“

So drängen die Funktionäre auf die Einhaltung des Zeitplans. Schon im Januar 2008 soll es einen neuen Bewertungsmaßstab geben, der ärztliche Leistungen weit stärker als bisher pauschaliert. „Das schaffen wir, selbst wenn wir uns hoffnungslos zerstreiten sollten“, sagt Stahl. Der Zeitpunkt ist ja auch günstig. Noch sind die Kassen mit anderen Wirren der Reform, insbesondere der Gründung ihres Spitzenverbandes, beschäftigt, können sich also womöglich nicht so intensiv um neue Ärztehonorare kümmern. Allerdings birgt die ersehnte Reform auch berufsgruppenintern Zündstoff. Mit dem Hausärzteverband ist die KBV schon hoffnungslos zerstritten. Die politische Vorgabe, die Hausärzte auf Kosten der Fachärzte besser zu stellen, dürfte das Gerangel noch verschärfen. Am Ende könnte die Aufspaltung in eine Hausarzt- und eine Facharzt-KV stehen.

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