Politik : Gesundheitswesen: Schlechte Werte

Carsten Germis

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sieht sich durch das neueste Gutachten des "Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen" in ihrer Einschätzung bestätigt, die Qualität des deutschen Gesundheitswesens lasse sich verbessern, ohne dass über Beitragserhöhungen mehr Geld ins System gepumpt werden muss. "Wir müssen die vorhandenen Mittel effektiver einsetzen", sagte sie am Dienstag in Berlin, als sie zwei Bände des Gutachtens mit insgesamt fast 700 Seiten gemeinsam mit den Wissenschaftlern vorstellte. "Das deutsche Gesundheitswesen leistet nicht, was es leisten könnte", meinte der Vorsitzende des Rates, Friedrich Schwartz. "Es hat zu wenig Zielorientierung, Patientenorientierung und Qualitätsorientierung."

Die Gutachter stellen in ihrer Untersuchung tatsächlich erhebliche Mängel fest. Bei den Ausgaben pro Kopf nimmt Deutschland im Gesundheitswesen weltweit nach den USA und der Schweiz Platz drei ein. Bei der Qualität der medizinischen Versorgung sei das deutsche System aber allenfalls unteres Mittelfeld. Auch die Ministerin forderte daher eine "konsequente Durchdringung der medizinischen Versorgung mit Maßnahmen der effektiven Qualitätssicherung". Die rechtlichen Grundlagen dazu hat die rotgrüne Koalition bereits mit dem Gesundheitsreformgesetz 2000 von Schmidts Vorgängerin Andrea Fischer geschaffen.

Die Sachverständigen beklagten, dass vor allem die Prävention in Deutschland nach wie vor im Argen liege. Sie werde nicht nur von der Politik, sondern auch in den Arztpraxen vernachlässigt, erklärte Schwartz, der an der Medizinischen Hochschule Hannover lehrt. Es gebe Defizite auch bei frühzeitig einsetzenden Rehabilitationsmaßnahmen. "Es fehlt unserem Gesundheitswesen an Patientenorientierung, insbesondere einer konsequenten Orientierung an dem Bedarf chronisch Kranker", fasste er die Mängel zusammen. Auch Ausbildung und Weiterbildung der Ärzte müssen nach Ansicht der Sachverständigen verbessert werden. Bei Fachärzten sollte zum Beispiel die Berechtigung, als Facharzt zu praktizieren, regelmäßig überprüft werden, schlagen sie vor. Eine Mehrheit der Mediziner komme der Pflicht zur Fortbildung nicht nach, stellte der Münchner Gutachter Peter Scriba fest. Die Ausbildung in der Bundesrepublik sei zu wenig patientenorientiert und zu lang, ergänzte der Mannheimer Ökonom Eberhard Wille.

Die Wissenschaftler begrüßten die ab 2003 geplante Neuordnung der Krankenhausvergütung auf der Basis von Fallpauschalen. Da sich die Liegezeiten der Patienten dann aber erheblich verkürzen dürften, forderte der Sachverständigenrat "den baldigen Ausbau ambulanter, stationärer und pflegerischer Nachsorgestrukturen". Diese Strukturen sind auf die möglichen Mehrbelastungen nicht eingestellt. Gleichzeitig warnten die Wissenschaftler, der starke Kostendruck des Fallpauschalen-Systems könne zu Fehlanreizen und "zu unerwünschten Verlagerungen der Behandlung, Qualitätsminderungen und Patientenselektionen führen". Der Sachverständigenrat fertigte das Gutachten noch im Auftrag von Schmidts Vorgängerin Fischer an.

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