Gesundheitswesen : So wenig Pfleger wie nie

Die Gewerkschaften und Arbeitgeber sind besorgt: Erstmals gibt es weniger als 300.000 Vollzeitstellen für Krankenschwestern und Pfleger in Krankenhäusern.

Hannes Heine,Rainer Woratschka
Pflege
Pflege vor dem Notstand -Foto: dpa

BerlinDie einen wollen schon wieder mehr Geld, die anderen bangen um ihren Job. Während die Medizinergewerkschaft Marburger Bund zehn Prozent mehr Lohn für die Klinikärzte fordert, haben die deutschen Krankenhäuser einen neuen Tiefststand beim Pflegepersonal erreicht. Erstmals seit der Wiedervereinigung gibt es bundesweit weniger als 300 000 Vollzeitstellen für Krankenschwestern und Pfleger. In den 2100 deutschen Kliniken wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2006 fast 4000 Arbeitsplätze im Pflegedienst abgebaut. Und in diesem Jahr fielen Schätzungen zufolge erneut 4000 Stellen dem Rotstift zum Opfer. Gleichzeitig stiegen die Fallzahlen jedoch von 16,5 auf knapp 17 Millionen Patienten im Jahr.

Insgesamt 15 000 nichtärztliche Klinikmitarbeiter hätten 2007 ihren Job verloren, weil die Politik „eisenhart“ kürze, heißt es bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). „Es ist und bleibt ein ungelöstes Problem, dass die Bundeskanzlerin allen Beschäftigten in Deutschland Beteiligung am Aufschwung verspricht, faktisch allerdings die Mitarbeiter im Krankenhaus davon abgekoppelt werden“, sagt DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum. „Aufgrund der maroden Finanzausstattung in den Krankenhäusern“habe man in den vergangenen zehn Jahren 90 000 Stellen abbauen müssen. „Die hohe Arbeitsverdichtung merken die Patienten längst am Krankenbett.“

Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung berichtet, dass 30 Prozent der befragten Pflegedirektionen davon ausgehen, wegen Personalmangels keine ausreichende Pflege mehr anbieten zu können. Die Belastung für die Krankenschwestern nehme kontinuierlich zu. Patienten müssten manchmal länger als 15 Minuten auf eine „notwendige Verabreichung von Schmerzmitteln“ warten. Der Abbau von Pflegepersonal habe katastrophale Folgen für die Gesundheit der Patienten, warnt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. „Bei bettlägerigen Patienten können Druckgeschwüre die Folge sein“, sagt sie. Der Berufsverband und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fordern die Politik derzeit mit einer Unterschriftenkampagne auf, den Personalabbau zu stoppen.

Michael Simon, der an der Fachhochschule Hannover zum Gesundheitssystem forscht, geht in einer aktuellen Studie davon aus, dass der Stellenabbau beim Pflegepersonal auch zugunsten von Klinikärzten stattfand. Mit der gesetzlich verordneten Ausgabendeckelung allein sei der Jobabbau kaum zu begründen. Zuletzt hatte die Umsetzung der EU-Arbeitszeitrichtlinie dazu geführt, dass die Kliniken mehr Mediziner anstellen mussten. Außerdem erzielte der Marburger Bund mit Streiks 2006 höhere Ärztegehälter.

Die Klinikärzte spielen den Ball zurück. Mit der Forderung von zehn Prozent mehr Gehalt „erweisen wir auch den Pflegekräften einen Dienst“, sagt Rudolf Henke, Chef des Marburger Bundes, gestern. Schließlich erhöhe man mit guten Gehältern die Attraktivität des Klinikarztberufs. „Jede unbesetzte Arztstelle hat den Verlust von sechs bis acht nichtärztlichen Arbeitsstellen im Krankenhaus zur Folge“, warnt er. Im Übrigen sei es eine natürliche Folge der erwünschten Leistungsverdichtung in den Kliniken, dass „der ärztliche Anteil tendenziell eher zunimmt, während der Anteil von Pflegepersonal zurückgeht.“

Die Kliniken beschweren sich derweil über die zu knappen finanziellen Ressourcen. Die Bundesregierung habe den Preiserhöhungsspielraum der Krankenhäuser auf 0,14 Prozent begrenzt, klagt DKG-Geschäftsführer Baum. Damit könnten „eine Inflationsrate von drei Prozent und massive Kostensteigerungen auch von noch so gut wirtschaftenden Krankenhäusern nicht aufgefangen werden“.

Das Gesundheitsministerium wirft den Kliniken hingegen vor, den nötigen Prozess der Modernisierung und Spezialisierung teilweise verpasst zu haben. Wirtschaftlich stünden die deutschen Krankenhäuser aber so gut da wie noch nie, 40 Prozent erzielten 2006 Überschüsse. Dass die Gehaltsforderungen der Ärzte am Abbau von Pflegeplätzen schuld sind, wird von vielen Experten bestritten: Ein Drittel der Häuser habe auch schon vor der Tariferhöhung im Jahr 2006 in finanziellen Schwierigkeiten gesteckt, heißt es vom Deutschen Krankenhausinstitut.

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