Politik : Getäuscht

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Warum hatten sich vor der Volkskammerwahl am 18. März 1990 alle so gründlich über das spätere Ergebnis getäuscht? Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen (FGW) spricht von einem „riesigen methodischen Problem “, vor dem die FGW damals stand: Eine eigene Interviewerorganisation gab es im Osten nicht. Deshalb nahmen die Meinungsforscher schon im November 1989 in Kooperation mit ZDF, „Spiegel“ und Emnid das Angebot der DDRAkademie der Wissenschaften (AdW) an, eine Umfrage zu organisieren. Die AdW ließ sich das „ordentlich bezahlen“, wie sich Jung erinnert. Doch mit dem Rücklauf der Fragebögen die Ernüchterung: Die Ergebnisse basierten auf dem „bewährten“ DDR-

System, wonach regimetreue Vertrauenspersonen in ihrem Umkreis Stimmungen einfingen, die stark gefiltert waren. Der Spiegel veröffentlichte sie, die FGW warf sie auf den Müll und stellte ein eigenes Befragungssystem auf die Beine. Das lieferte aber erst wenige Tage vor der Wahl erste – wie Jung sagt: ziemlich genaue – Ergebnisse. Diese wurden nicht mehr publiziert. Die ARD hatte auf die Interviewerorganisation des DDR-Fernsehens gesetzt und deren schiefe Resultate veröffentlicht. Eine Telefonumfrage im Januar hatte ergeben, dass nur 40 Prozent der Leute schon eine Wahlentscheidung getroffen hatten – von denen wollten 53 Prozent die SPD wählen. Aber was besagte das? Dass sich vor allem die Intellektuellen entschieden hatten – die ein Telefon hatten. So kam es, dass die „Umfragen“ historisch geprägte Erwartungen bestätigten. Danach waren etwa Sachsen und Thüringen sozialdemokratisch geprägt. Dort aber verbuchte die „Allianz für Deutschland“ ihre größten Erfolge . sc

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