Politik : Geteilte Gesellschaft

Von Ingrid Müller

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Wir haben in dieser Woche viel gehört über die Schichten unserer Gesellschaft. Haben über Instrumente diskutiert, von denen viele nummeriert sind: Arbeitslosengeld II, Hartz IV. Aber was ist mit den Menschen, die zusammen die Gesellschaft bilden – zusammen? Davon war wenig zu hören. Die einen redeten über die anderen: die aus der Unterschicht. Diese gelte es zu integrieren, forderte der CDU-Politiker Norbert Röttgen – eine Vokabel, die wir aus der Debatte über Zuwanderer kennen.

Hier wie dort regiert Misstrauen. Vertrauen wir auf die Kräfte, die in Menschen stecken? Eher nicht. Die Mitte der Gesellschaft ist daran nicht unschuldig. Dazu zählen auch die Gewerkschaften, die gegen die Politik der großen Koalition demonstrierten. Die Menschen sollten aus ihren Sesseln geholt werden, immerhin. Allerdings müssen auch die Gewerkschaften an neuen Arbeitsmodellen tüfteln – damit die Gesellschaft nicht auf Dauer auseinanderbricht.

Allzu viele in der Mitte haben Angst, bald zu den Verlierern zu gehören. Der Ruf nach Eigenverantwortung führt zur Konzentration auf den eigenen Vorteil: Was schert mich der andere, mir wird ja auch nichts geschenkt. Engagement für das Gemeinwohl, wie es jüngst 160 Führungskräfte von Rolls Royce zeigten, die gemeinsam einen sozialen Tag einlegten und Schulen in Berlin renovierten, ist eher die Ausnahme. Wer es sich leisten kann, klinkt sich aus der Gemeinschaft aus. Mein Kind auf eine normale Schule? Ins Chaos? Noch dazu ohne Ganztagsangebot? Das fragen sich gut verdienende Eltern, die früher oft gegen Ganztagsschulen waren, heute aber beide arbeiten möchten. Das Angebot ist an öffentlichen Schulen mangelhaft. Sich für Verbesserungen einzusetzen, käme zwar der Gesellschaft zu- gute, aber nicht mehr dem eigenen Kind, weil öffentliche Entscheidungen zu lange dauern. Also: Rückzug. Wer es sich leisten kann, schickt den eigenen Spross auf die Privatschule. Die Kinder derjenigen, die es sich nicht leisten können, bleiben unter sich und orientieren sich nur noch aneinander. Auch so geht der Antrieb verloren, mehr zu erreichen, als für sie vorgezeichnet scheint.

Bei den Nachmittagsshows im Fernsehen präsentieren sich jene Menschen, die es nach Auffassung mancher Politiker aufgegeben haben, aus eigener Kraft ein Leben zu führen. Ganz ungeniert breiten sie privateste, intimste Probleme aus. Sie machen sich lächerlich, zur Gaudi anderer. Zur Welt derer, die sich aus sicherem Abstand über sie amüsieren, haben sie keinen Kontakt. Ihre Kinder werden auch keinen bekommen.

Die zunehmende Angst in der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg führt zu stärkerer Abgrenzung gegenüber jenen, die schon unten sind. Der Sinn für das Ganze, für die eine Gesellschaft, geht verloren. Das hat auch damit zu tun, dass sich diese Mittelschicht zunehmend von der Politik überfordert und ebenfalls allein gelassen fühlt, unerreichbar abgehängt von jenen, denen es wirklich gut geht im Land. So wird Solidarität, also das Zusammengehörigkeitsgefühl, auch praktisch zum Fremdwort. Nur wer das Gefühl hat, ernst genommen und gebraucht zu werden, wird sich engagieren, oben wie unten. Dass Menschen wichtiger sind als Zahlen, muss die Politik erst wieder lernen. Aber nicht nur sie.

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