Gewalt gegen Frauen : Frauenverachtung kommt wieder in Mode

Gewalt gegen Frauen? Nach der Wahl Trumps nimmt sie in den USA gerade wieder zu - und nicht nur da. Was Männer verstehen müssen. Ein Kommentar.

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Auch in Deutschland gibt es ein Problem mit häuslicher Gewalt.
Auch in Deutschland gibt es ein Problem mit häuslicher Gewalt.Foto: picture alliance / dpa

Gewalt, die von Männern ausgeht und sich gegen Frauen richtet, ist in der Regel Gewalt gegen Schwächere, also feige und verachtenswert. Muss das wirklich noch mal extra gesagt werden? Braucht es einen extra Tag wie den am Freitag, den Tag gegen Gewalt an Frauen?

Leider ja. Und vermutlich ändert sich daran so schnell auch nichts. Eher ist zu befürchten, dass die Lage wieder schlechter wird, auch als Folge des sich derbe rauflustig gebenden Populismus, der gerade gut ankommt. Schluss mit dieser albernen Political Correctness, weg mit dem übertriebenen Schutz für Schwache, warum sollen nicht allein die Starken selbstbewusst und kernig das Maß der Dinge sein? Schließlich sind sie ja die Starken, und das wird schon einen Grund haben.

In einem Bericht der britischen Zeitung „Independent“ werden antimuslimische und schwarzenfeindliche Übergriffe aus der Zeit nach der Wahl von Donald Trump reportiert, die sich fast ausschließlich gegen Frauen richten. Manchen wurde das Kopftuch heruntergerissen, andere wurden geschubst, rassistisch beschimpft, ihnen wurde mit sofortiger Erschießung oder Vergewaltigung gedroht. Interessanterweise thematisiert der Bericht nicht, dass die Opfer alle Frauen sind. Die Titelzeile lautet: Welle von Hassattacken gegen Minderheiten. Was Frauen ja nicht sind.

Schöne Frauen stehen stumm neben einem sprechenden Mann

Eine der Attackierten sagte der Zeitung, sie hätte bislang noch nie Angst davor gehabt, eine Frau zu sein. Das ändere sich nun. Und die, die ihr Angst machen, sind weiße Amerikaner.

Offenbar war deren Zivilisationsfirnis dünn. Er hat dem Wahlkampfgetöse des Kandidaten Trump nicht standgehalten, dem Ok fürs Angrapschen, was ja bloß ein Lockerroom-Talk gewesen sei. Vielleicht litt der Firnis auch unter dem Erscheinungsbild der Familie Trump, in der schöne Frauen stumm neben dem sprechenden Mann stehen.

Und wenn nicht? Dann schubse sie weg.

Trump reagierte schockiert, als er von den Handgreiflichkeiten seiner Wähler hörte. „Stop it!“, sagte er in einer Talkshow und schaute direkt in die Kamera. Es klang wie das „Aus!“ von Hundebesitzern. Chef-Mann befiehlt Untertan-Mann, wie mit den Anderen umgegangen wird.

Die USA sind besonders überraschend als Ort sich möglicherweise gerade wieder ausbreitender Frauenverachtung. Sie ist dort aber noch ein individuelles Phänomen. Ein institutionelles sollte sie in der Türkei werden: Ein Gesetzentwurf sah vor, Vergewaltiger von Minderjährigen straffrei zu stellen, wenn sie ihr Opfer heiraten. Ein Vorschlag, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Er wurde später zurückgezogen. Aber was geht in den Köpfen von Menschen (Männern?) vor, die auf solche Ideen kommen? Was zählt für die das vergewaltigte Mädchen?

In Deutschland gibt es immer noch viel häusliche Gewalt

Oder die Vereinigten Arabischen Emirate: Eine britische Touristin, die in einem Hotel in Dubai von zwei Briten vergewaltigt wurde, hatte das bei der Polizei angezeigt – und wurde selbst wegen außerehelichem Sex angeklagt. Die Strafe kann drakonisch sein. Ihre Mutter sammelt nun via Internet Geld für den Prozess.

Genitalverstümmelungen? In 28 afrikanischen Ländern verbreitet, Zwangsprostitution, Verschleppung und Versklavung von Frauen, gibt es alles. Und zwar in Ländern, die im Frieden sind. Im Krieg kommt die systematische Vergewaltigung als regelrechte Strategie hinzu.

Jeder Gewaltakt demoliert auch im übertragenen Sinne die Beteiligten. Psychische Defekte bleiben, an die oft genug niemand mehr heran kommt. Die schwären vor sich hin und richten dauernden Schaden an.

In Deutschland kommt Gewalt gegen Frauen vor allem als häusliche Gewalt vor. Die eigene Wohnung erwies sich 2015 für mehr als 50000 Frauen als brutale Falle. Sie wurden Opfer der Männer, mit denen sie zusammenlebten. Hier hatte der deutsche Anti-Gewalttag den Fokus mit der Aktion „Wir brechen das Schweigen“, die als Aufruf zur Einmischung verstanden werden soll. Die so wichtig ist, wenn das Opfer sich nicht wehren kann.

Gewalt funktioniert umso besser, je geschlossener die Systeme sind. Das kann im Privaten die Wohnung sein, in extremen Fällen wurden Häuser oder Keller zum Gefängnis für versklavte Frauen. In diesen Räumen ist außer den Opfern und Tätern niemand mehr, der Gewalt bemerkt, sie kritisiert, ihr Ende einfordert. Als solche geschlossene Systeme kann man sich auch Nationen denken, die sich abschotten, ihre Regeln ändern und sich Einmischung verbitten.

Gewalt ist ein hierarchisches Konstrukt einer Männerwelt. Das sollte man sich öfter bewusst machen. Nicht als Schuldzuweisung, aber als Appell, grundsätzlich umzudenken. Familienministerin Manuela Schwesig forderte neulich die Stärkung von Frauen in internationalen Verhandlungsprozessen. Es gebe eine Studie, die nachweise, dass die Chancen auf die Vereinbarung von Friedensabkommen steigen, wenn Frauen mitverhandeln. Zudem sei wahrscheinlicher, dass die Vereinbarungen auch umgesetzt werden. Warum muss man Frauen-Beteiligung dann noch fordern? Sie müsste längst normal sein.

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