Gewalt im Stadion : Gibt es immer mehr Gewalt im Fußball?

Dem Fußball wird schon lange ein Gewaltproblem nachgesagt. Doch sind Bengalos Krawall, und hat sich die Lage wirklich verschlimmert? Ein Blick in deutsche Stadien lässt verschiedene Schlüsse zu.

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Man darf Dynamo Dresdens Aktion wohl verzweifelt nennen. Weil die Fans des sächsischen Zweitligisten immer wieder durch ihren Hang zur Randale aufgefallen waren und sich zuletzt in Kaiserslautern eine Schlägerei mit der Polizei geliefert hatten, beschloss Dynamo kürzlich, in den nächsten vier Auswärtsspielen sein Kartenkontingent für die Gästeblöcke nicht abzurufen. Die Dresdener wollten lieber ohne Unterstützung in die Fremde reisen, als ihrem Anhang eine weitere Gelegenheit zu einem gewalttätigen Wochenendausflug zu geben. Der radikale Schritt wird seinen Zweck allerdings kaum erfüllen: Seit Dienstag verkauft Erzgebirge Aue, Dresdens Gegner am 10. März, 2700 Tickets gezielt an Dynamo-Fans. Der freiwillige Boykott ist damit wirkungslos, die Initiative der Dresdener ad absurdum geführt. Aue rühmte sich sogar, mit dem umstrittenen Alleingang das sächsische Zweitligaduell sicherer gestalten zu wollen. „Mit unserer Entscheidung für den Verkauf der Tickets wollen wir die zuletzt recht angespannte Situation um dieses Thema entschärfen und in geordnete Bahnen lenken“, sagte Aues Geschäftsführer Michael Voigt. Dass die Einnahmen aus dem Ticketverkauf für seinen Klub ebenfalls nicht zu verachten sind, erwähnte Voigt nicht.

Beim Thema Gewalt im Fußball kann man sich eben nie ganz sicher sein, zu viele grundverschiedene Interessen prallen aufeinander. Die Rhetorik der Politiker und Funktionäre sowie die mitunter furchteinflößenden Bilder von Randalierern legen den Schluss nahe: Gewalt und Ausschreitungen haben den Fußball fest im Griff. Doch so simpel ist es nicht. Anfang des Jahres richtete die Bundestagsfraktion der Linken eine Kleine Anfrage zur „ Entwicklung von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten“ beim Fußball an die Bundesregierung. Der Antwort zufolge ist die Zahl der Körperverletzungsdelikte von 861 in der Saison 2001/2002 auf 1831 in der Saison 2011/2012 gestiegen. Das mag auf den ersten Blick alarmierend wirkend – was aber fehlt, ist eine Einordnung der Daten. Im vergangenen Jahrzehnt haben die deutschen Vereine einen Boom bei den Zuschauerzahlen erlebt. 2001/2002 besuchten knapp zwölf Millionen Zuschauer die Spiele der Ersten und Zweiten Liga, 2011/12 waren es rund 19 Millionen. Angesichts dieses außerordentlichen Wachstums erscheinen 1000 Körperverletzungen zwar nicht weniger bedenklich, aber zumindest im Bereich des statistisch Normalen.

Ähnlich verhält es sich bei der Statistik der bei der Polizei Nordrhein-Westfalen angesiedelten Zentralen Informationsstelle Polizeieinsätze (Zis), die jedes Jahr nahezu alle relevanten Spiele im deutschen Fußball auswertet. Laut Zis wurden in der vergangenen Saison 1142 Personen rund um Fußballspiele in Erster und Zweiter Liga verletzt, unterteilt in 235 Polizisten, 514 sogenannte „Störer“ und 393 Unbeteiligte. Allerdings sagt die Statistik nichts über die Schwere der Verletzungen oder ihre Ursache aus. Fans beklagen seit langem, dass die Polizei bei Einsätzen rund um Fußballspiele häufig massiv Pfefferspray einsetze, was zu der hohen Zahl der verletzten Störer beigetragen haben könnte. Auch wenn Aussagen von Vertretern der Polizeigewerkschaften bisweilen den Eindruck erwecken, ein Vater könne mit seinem Sohn nicht mehr unbesorgt zu einem Spiel gehen, lebt der normale Stadionbesucher in Deutschland so sicher wie kaum irgendwo auf der Welt. Die deutschen Arenen entsprechen seit der WM 2006 den höchsten Sicherheitsstandards. Und auch wenn jeder Verletzte einer zu viel ist: Die Zahl von 393 unbeteiligten Verletzten lässt in Relation zu 19 Millionen Zuschauern wohl kaum darauf schließen, dass die Stadien hierzulande Horte der Gewalt sind.

Andererseits haben Fußball, Vereine und Fans eine Reihe ernst zu nehmender Probleme, die meist zu oberflächlich unter Begriffen wie „Gewalt“ oder „Krawall“ zusammengefasst werden. Die heiß diskutierte Pyrotechnik beispielsweise hat mit Gewalt nur wenig zu tun. Vor allem die zumeist jungen Ultrafans (in ihrer Unterstützung für den Verein fanatische Anhänger) sehen im Abbrennen von bengalischen Feuern vielmehr einen Ausdruck ihrer Fankultur, selbst wenn das Zündeln auf den Rängen gefährlich und per Gesetz eindeutig verboten ist. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball- Liga (DFL) haben eindeutig klargestellt, dass sie Pyrotechnik niemals legalisieren werden – das Problem wird dem Fußball trotzdem erhalten bleiben.

Genauso wie das Bestreben Rechtsradikaler, Einfluss in den Stadien zu gewinnen. Nicht nur in Aachen (siehe Text unten) hat es Übergriffe rechter Fans gegeben, auch andere Vereine haben mit starker rechter Präsenz auf ihren Tribünen zu kämpfen. Während des Champions-League-Auswärtsspiels des Deutschen Meisters Borussia Dortmund im ukrainischen Donezk wurden der Fanbeauftragte des Klubs und ein Mitarbeiter des Fanprojekts von mehreren Männern attackiert, die zuvor rechte Parolen gegrölt hatten. Die Koordinationsstelle der Fanprojekte nannte den Vorfall einen „zielgerichteten Angriff unter politischen Vorzeichen“ und einen „Einschüchterungsversuch“. Auch die NPD versucht, im Umfeld des Fußballs gezielt für sich zu werben. In Thüringen verschickte die rechtsextreme Partei in den vergangenen Tagen ein Solidaritätsschreiben mit dem Titel „Sport frei! Politik raus aus dem Stadion“, in dem sie unter anderem die Videoüberwachung im Stadion oder die Abschaffung von Stehplätzen ablehnt. Dia Fanorganisation ProFans zeigte sich entsetzt und teilte mit, es sei „absolut nicht hinnehmbar, dass sich die NPD an unseren Themen und Forderungen bedient“.

Großes Kopfschütteln herrscht bei vielen Beobachtern angesichts der Rivalität zwischen manchen Klubs und deren Fans, die bisweilen mit Gewalt ausgetragen wird. In der jüngeren Vergangenheit gab es besonders außerhalb der Stadien – auf Bahnhöfen, Autobahnraststätten oder in den Innenstädten – Schlägereien und Angriffe rivalisierender Fangruppen. Begegnungen zwischen Schalke und Dortmund, Mönchengladbach und Köln oder dem FC St. Pauli und Hansa Rostock werden auch in Zukunft Risikospiele bleiben, die ein großes Polizeiaufgebot und erhöhte Wachsamkeit erfordern. Das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen hat zwischen 2008 und 2012 sogar „V-Leute“ in der Fanszene eingesetzt, um Gewalttaten zu verhindern. Die Landtagsfraktion der Piratenpartei kritisierte daraufhin, „die staatliche Kontrolle und Bespitzelung von Stadionbesuchern hat ein Ausmaß erreicht, das nicht vereinbar mit einer rechtsstaatlichen Demokratie ist“ .

In der Tat stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Bedrohung und Bestrafung. Einerseits wollen die Fußballklubs ihre zahlende Kundschaft nicht verprellen oder die Atmosphäre im Stadion zu Tode kontrollieren. Andererseits müssen sie die Sicherheit der Zuschauer garantieren und dem öffentlichen Druck der Politik standhalten, die die garantierten Schlagzeilen beim Thema für sich entdeckt hat. Die vergangenen Monate machen in dieser Hinsicht Hoffnung: Auf die Ankündigung eines strengeren Sicherheitskonzepts der DFL reagierte die breite Fanbasis mit friedlichem, öffentlichkeitswirksamem Protest: In nahezu allen Stadien wurde nach dem Anpfiff zwölf Minuten lang geschwiegen. Die DFL modifizierte daraufhin ihr Konzept und verzichtete auf einige Maßnahmen komplett. Interessant wird nun sein, ob sich auch innerhalb der Fanszenen etwas tut. Vor kurzem protestierten Fans von Eintracht Frankfurt gegen Pyrotechnikexzesse in den eigenen Reihen, viele Anhänger haben Egotrips einzelner Gruppierungen satt. Die Folge könnte ein Selbstreinigungsprozess sein, in dem sich die vernünftigen Kräfte in den Kurven gegen jene durchsetzen, die die Spiele für Selbstdarstellung, Provokation, rechte Propaganda oder Randale nutzen wollen, anstatt ihre Mannschaft zu unterstützen.

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