Gewalt in Guantánamo : "Zur Folter benötigt man immer einen Arzt"

Das Rote Kreuz wirft US-Ärzten vor, bei der Folter von Gefangenen in Guantánamo assistiert zu haben. Für den Medizinhistoriker Wolfgang Eckart ist das keine Überraschung.

Interview von Michael Schlieben
Guantanamo
In orangefarbene Overalls gekleidete Häftlinge knien im Camp X-Ray auf dem US-Marinestützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba . -Foto: dpa

Herr Eckart, überrascht Sie der Bericht des Roten Kreuzes, nachdem amerikanische Ärzte in Guantánamo aktiv an Folter beteiligt waren?

Überhaupt nicht. Folter gehört zur Tradition der USA im Umgang mit ihren Gefangenen in Terrorkriegen. In den CIA-Ausbildungslagern in Mittelamerika wurden in den sechziger Jahren sogar Ausbildungshandbücher zur Folter verteilt, die nach dem Vietnam-Krieg aktualisiert wurden. Darin steht, wie man von Gefangenen Informationen abpressen kann. Aus der jüngsten Vergangenheit kennt man die Folterskandale im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis, und schon das wenige, was aus dem Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba bekannt ist, belehrt uns eines Schlechteren.

Ist Folter etwa spezifisch amerikanisch?

Aus vielen Demokratien gibt es Hinweise, dass sie dort bisweilen immer noch von Polizei oder Militär angewandt wird – etwa in Südamerika oder in Israel. Man darf nicht vergessen: Folter ist in den meisten nicht-demokratischen Ländern gängige Praxis. Die Geschichte der Folter ist alt. Sichere Zeugnisse liegen bereits aus der römischen Kaiserzeit vor, in der zum Beispiel auf dem Equuleus, einer strickleiterartigen Vorrichtung, der Körper des armen Opfers gestreckt, gepeitscht, gebrannt und gedrosselt wurde. Gleichzeitig war das Foltern auch immer schon geächtet. Die Kritik an ihr ist so alt wie die Folter selbst. Schon in der Antike und im Mittelalter gab es Menschen, die sich kritisch damit auseinander gesetzt haben. Sonst wüssten wir heute nicht so viel darüber.

Neben den jetzt ins Blickfeld geratenen Ärzten haben sich auch andere Menschen – zum Beispiel die CIA-Mitarbeiter in Guantánamo – der Folter schuldig gemacht. Muss man hier mit zweierlei Maß messen, weil Ärzte der Ethik in besonderer Weise verpflichtet sind?

Um gut und nachhaltig zu foltern, benötigt man immer einen Arzt. Folter macht nämlich nur Sinn, wenn man sie fortsetzen und steigern kann und das Opfer nicht sofort tötet. In der frühen Neuzeit waren die Folterknechte oft selbst medizinisch geschult. Sie konnten die Knochen selbst wieder einrenken, um sie später erneut auszurenken. Je subtiler die Methoden der Folter sind – etwa durch den Einsatz von Drogen – desto eher braucht man Mediziner, die sich damit auskennen.
Immerhin können Mediziner Opfer mitunter am Leben halten, die sonst sofort – ohne medizinische Betreuung – sterben oder verbluten würden. Etwa indem sie auf lebenswichtige Organe hinweisen.

Das klingt, als gäbe es auch gute Formen der Folter.

Nein. Man darf Folter nicht als Akt der Humanität darstellen. In den meisten Fällen werden die Opfer nach den erwünschten Aussagen getötet. Militärärzte werden dann gezwungen, zweifelhafte Todesursachen zu verschleiern. Ärzte geben in jeder Foltersituation ihre prinzipielle Berufshaltung auf. Die zentrale Aussage des hippokratischen Eids ist, dass man dem Menschen hilft, der sich einem anvertraut – und nicht, dass man ihm Schaden oder Schmerzen zufügt. Das muss man zwar manchmal auch als Arzt, keine Operation ist schmerzfrei. Wichtig ist aber, dass der Patient den Eingriff akzeptiert. Zwischen Arzt und Patienten haben sich keine weiteren Interessenten zu drängen. Das Wohl des Kranken muss das oberste Gesetz des ärztlichen Handelns sein, nicht das Wohl des Staates.

Folter muss nicht politisch motiviert sein, es gibt auch Ärzte, die sich davon Forschungserkenntnisse erhoffen...

Natürlich, die Medizingeschichte ist voll von solchen Beispielen. Das reicht von den Alexandrinern, die in Afrika herumexperimentierten, bis hin nach Dachau und den physiologischen Experimenten der KZ-Ärzte, die etwas über die Reaktion von Menschen auf extreme Kälte herausfinden wollten. Im Ersten Weltkrieg folterten deutsche Ärzte Kriegshysteriker, also Menschen, neben denen Granaten eingeschlagen waren. Die wurden mit Elektroschlägen behandelt, aber nicht um deren Gesundheit wiederherzustellen, sondern um ihre Reaktionen zu überprüfen. 

Verlieren Mediziner in ihrer Arbeit vielleicht manchmal den Bezug zum Patienten als Mensch, sehen ihn nur noch als Körper, als physiologischen Organismus?

Die Möglichkeit zu forschen ohne Restriktionen hat etwas Verlockendes, natürlich. Aber die Motivation der Folterärzte hat oft keinen medizinischen Hintergrund: Ärzte sind wie alle Menschen ängstlich, erpressbar und verführbar.

Werden aus den Jahrhunderten der Foltergeschichte keine Lehren gezogen? Wie kann man erreichen, dass der hippokratische Eid eingehalten wird?

Natürlich gibt es internationale Deklarationen, Gesetze und freiwillige Selbstverpflichtungen. Allerdings nicht erst seit gestern: Auch die faschistischen Folterregimes in Spanien unter Franco und in Portugal unter Salazar unterzeichneten fröhlich eine universelle Menschenrechtserklärung, die das Foltern ächtete, hielten sich aber nicht daran. Das 20. Jahrhundert mit seinen Diktaturen und Gewaltregimen war – gegen alle vorherige Aufklärung – das Jahrhundert brutalster Folter auf hohem technischen und psychologischen Niveau.

Inwieweit wird in der Ausbildung von Ärzten auf ethische Konflikte eingegangen?

Es ist ein essenzieller Teil der Ausbildung. Ich habe Studenten aus Afrika und Lateinamerika. Gut möglich, dass sie eines Tages in Situationen geraten, in denen sie foltern müssen. Die Approbationsordnung sieht klipp und klar einen großen Querschnitt aus Geschichte, Theorie und Ethik vor. Ich würde mir aber wünschen, dass der ethischen Ausbildung von Medizinern ein noch größerer Stellenwert zukommt. (ZEIT ONLINE)


Wolfgang U. Eckart ist Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität Heidelberg und forscht vor allem zum Wechselverhältnis von Medizin und Krieg.







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