• Gewalt in Nahost: Barak und Arafat - wenn einer von beiden stürzt, dann wird auch der andere politisch nicht lange überleben

Politik : Gewalt in Nahost: Barak und Arafat - wenn einer von beiden stürzt, dann wird auch der andere politisch nicht lange überleben

Charles A. Landsmann

Ehud Barak kann über die "Al-Akza-Intifada" stürzen, Jassir Arafat aber bei ihr nur gewinnen. Dem israelischen Regierungschef droht das Aus, weil er keine Minderheitsregierung mit Unterstützung der arabischen Abgeordneten mehr bilden kann. Arafat aber erhält, nach der ihm von US-Präsident Clinton nach dem gescheiterten Gipfeltreffen von Camp David erteilten Ohrfeige, diesmal politische Rückendeckung sowohl von den USA als auch der EU. So stark war der Palästinenserpräsident schon lange nicht mehr; aus einer so schwachen Position zog wohl noch kein israelischer Ministerpräsident in schicksalhafte Verhandlungen.

Und doch wird in diesen nicht allein Barak weitere Konzessionen machen müssen, auch von Arafat werden Zugeständnisse verlangt. Und zwar trotz des für ihn günstigen, weil anhaltenden Kampfverlaufes, größere als Clinton von ihm in Camp David verlangte. Denn nur wenn Barak ein Abkommen vorweisen kann, hat er bei den wohl im kommenden Frühjahr stattfindenden Wahlen eine gute Siegeschance. Und dass der Sieger dann Barak heißt, liegt im Interesse Arafats.

Zwei Gegenkandidaten Baraks sind in Sicht: Ariel Scharon und Benjamin Netanjahu. Ariel Scharon hat seine Ambitionen mit seinem provokanten Besuch auf dem Tempelberg polternd angekündigt. Allerdings muss ihm in diesem Zusammenhang zu Gute gehalten werden, dass ihm - wie erst jetzt bekannt wurde - die israelischen Geheimdienste grünes Licht gegeben hatten. Sie hatten Scharon keine Gefahr von Unruhen prognostiziert.

Scharon, derzeit Likud-Parteichef und damit Oppositionsführer, lag bisher bei der hypothetischen Sonntagsfrage deutlich hinter Barak. Dies könnte sich ändern, falls er tatsächlich zum Gegenkandidaten gekrönt würde. "Arik der Bulldozzer", der glühende Nationalistenanführer in früheren Regierungen, hatte zwar in seiner kurzen Amtszeit als letzter Außenminister in Benjamin Netanjahus zusammenbrechender Regierung etwas "Kreide gefressen", doch seit er keine Regierungsverantwortung mehr trägt, stimmt er wieder seine alten Schlachtgesänge an. Und er hat sich mit der Tempelberg-Visite bei den Palästinensern selbst zum Symbolbild des zionistischen Feindes gemacht.

Sowenig wie mit Scharon würde Arafat mit Netanjahu zu einer Einigung kommen. Seine Erfahrungen mit "Bibi" sind bitter. Zwar hatte der soeben von der Last einer bedrohlichen Korruptionsanklage befreite Barak-Vorgänger im so genannten Hebron-Abkommen als erster Likud-Politiker auf Teile von "Erez Israel" zugunsten der Palästinenser verzichtet. Doch danach hat er mit seiner unendlichen Verzögerungstaktik versucht, den Friedensprozess gemäß dem Osloer Abkommen abzuwürgen. Auffallend derzeit: Netanjahu, der unmittelbar vor seinem Comeback steht und daher in den letzten Wochen jedes Mikrofon und jede TV-Kamera suchte, ist seit Ausbruch der Kämpfe auf Tauchstation gegangen und lässt Scharon im Regen der internationalen Kritik ziemlich alleine stehen.

Weder von "Arik" noch von "Bibi" kann Arafat auch nur einen Bruchteil der aus seiner Sicht ungenügenden, aber ohne Zweifel weitgehenden Zugeständnisse erhalten, die ihm Barak in Camp David für den Fall einer Übereinkunft in Aussicht gestellt hat.

Auf der palästinensischen Seite existiert keine echte Alternative zu Arafat. Vor allem gibt es niemanden außer ihm, der einen Friedensvertrag unterzeichnen könnte, in dem nicht alle 1967 von Israel eroberten Gebiete den Palästinensern überlassen werden. Und nur ein solches Abkommen ist realistisch: Arafat wird sich mit 90 plus Prozenten der Westbank und dem ganzen Gazastreifen begnügen müssen und können - im Gegensatz zu jedem potenziellen Nachfolger.

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