Politik : Gewalt in Nahost: Frieden als Zumutung (Leitartikel)

Christoph von Marschall

Der Ausbruch der Gewalt im Nahen Osten traf die europäische Öffentlichkeit völlig unvorbereitet. Hatte Israels Regierungschef nicht eben erst Kompromissbereitschaft in der Jerusalem-Frage signalisiert? Hatte er nicht zwei Tage vor dem Blutvergießen gemeinsam mit Jassir Arafat zu Abend gegessen? Schien nicht überhaupt der Frieden greifbar nahe zu sein, seitdem nicht mehr der chronisch unzuverlässige Provokateur Benjamin Netanjahu Israel regiert, sondern Ehud Barak, der Soldat, der Autorität genießt und wissen müsste, was Freund und Gegner zuzumuten ist und was nicht?

Dennoch kam es zu dieser Eruption des Hasses - nur weil der israelische Hardliner Ariel Scharon, der demonstrativ in einem schwer bewachten Haus mitten im arabischen Ost-Jerusalem wohnt, seinen Fuß auf den Tempelberg setzte. Die moslemischen Heiligtümer dort besuchen Hunderte Ungläubige Tag für Tag. Aber eben kein Jude. Das zynische Kalkül ging auf: Auf einmal zählt die Vernunft nichts mehr gegen die aufgestauten Emotionen, brennt es lichterloh im Nahen Osten, als hätte es die Absprachen von Oslo und den Friedensnobelpreis nicht gegeben. Die palästinensische Führung und ihre Polizei tun nichts, um die Gewalttäter zurückzuhalten. Aus Schwäche? Aus Berechnung? Israels Militär schießt scharf, als sei ein abschreckender Blutzoll nicht unerwünscht. An die 60 Tote, mehr als tausend Verwundete - das kann man nicht mehr Unruhen nennen, das ist Bürgerkrieg. Der ganze Irrsinn konzentriert sich in den Bildern des zwölfjährigen Mohamed, den der verzweifelte Vater vergeblich mit bloßen Händen gegen den tödlichen Kugelhagel zu schützen versucht, in den sie zufällig hineingeraten waren.

Ist der Friedensprozess gescheitert? Droht eine neue Intifada, ein Aufstand palästinensischer Jugendlicher, nun mit Molotow-Cocktails statt Steinen? Man kann vielleicht einwenden, dass es solche Krisen immer wieder gegeben hat, auch blutige: zuletzt 1996, als Netanjahu den Tunnel unter dem Tempelberg öffnen ließ und die Moslems um den Einsturz der Heiligtümer fürchteten. Jedes Mal hat die Bedrohung am Ende zu umso ernsthafteren Verhandlungen geführt. Beide Seiten wissen, sie müssen lernen, miteinander zu leben.

Doch auch wenn Arafat und Barak nun in Paris und Scharm el Scheich miteinander reden: Diesmal besteht kaum Hoffnung, dass das Entsetzen über die Toten dem Friedensprozess neue Chancen öffnet. Der Spielraum für symbolische Zugeständnisse ist erschöpft. Es geht nicht mehr um die Übergabe weiterer zwei Prozent besetzten Gebietes, um die Schleifung einer Siedlung oder etwas mehr Zeitaufschub bei der palästinensischen Staatswerdung. Jetzt stehen die ganz großen Fragen an, denen beide Seiten existenzielle Bedeutung zumessen: die Zukunft Jerusalems, der Tempelberg, die unwiderrufliche Staatsgründung. Schlimmer noch, die Völker werfen ihren Anführern vor, Zugeständnisse in diesen Bereichen hätten die Gewaltorgie provoziert. Die Bürger ertrügen die Zumutungen nicht. Barak hätte die israelische Kontrolle Ost-Jerusalems nicht einmal andeutungsweise in Frage stellen, Arafat die für den 13. September geplante Ausrufung der Souveränität nicht abermals ohne substanzielle Gegenleistung verschieben dürfen. Beide sind geschwächt, hatten nicht mehr die Autorität, der Gewalt entgegenzutreten - und können nur hoffen, dass ihnen das als "Härte" ausgelegt wird, die sie ein wenig stärkt.

Darin zeigt sich die ganze Tragik der Lage: Die Koalition der Friedenswilligen ist hoffnungslos in der Defensive. So sehr, dass nicht einmal Druck von außen hilft. Und was für ein Druck soll das auch sein? Vier Wochen vor der US-Präsidentenwahl hat die Regierung Clinton keinen Einfluss mehr, Europa genießt noch keine Autorität im Nahen Osten. Zu viele Hindernisse auf einmal - und es wird dauern, bis wieder alle innen- und außenpolitischen Bedingungen zusammenkommen, ohne die der nächste große Schritt undenkbar ist. Ob Israels Wähler noch einmal Barak beauftragen oder den halsstarrigen Likud, ist ungewiss. Also keine greifbare Hoffnung? Nur die, dass es trotz allem gelingt, in den nächsten Monaten Frieden zu bewahren - erschreckend wenig gemessen daran, dass sechzig Menschen sterben mussten.

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