Gewalt : Schäuble warnt vor Jugendkrawallen in Deutschland

In den Pariser Vorstädten blieb es in dieser Nacht weitgehend ruhig. Doch die Diskussion um die Gewaltwelle in Frankreich hat Deutschland erreicht. Gibt es auch bei uns genügend sozialen Sprengstoff für Krawallnächte wie im Nachbarland?

Hannover/Paris"Wir müssen darauf achten, dass sich nicht auch bei uns sozialer Sprengstoff aufbaut und in Gewalt entlädt. Wir müssen das ernst nehmen", sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse".

Nicht jeder junge Mensch kommt nach den Worten des Innenministers mit der schnellen Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit zurecht. Bund, Länder und Kommunen arbeiteten bereits mit Nachdruck daran, Probleme abzubauen. "Das betrifft nicht nur die Integration von Migranten", sagte Schäuble. Der Minister wies aber auch darauf hin, dass es in deutschen Vorstädten "zum Glück" nicht dieselben städtebaulichen und soziologischen Probleme gebe wie in Frankreich.

In Villiers-le-Bel nördlich des Pariser Zentrums, wo die Krawalle am Sonntag nach dem Tod zweier Jugendlicher bei einem Zusammenstoß mit einem Polizeiauto begonnen hatten, blieb es in der zweiten Nacht in Folge weitgehend ruhig. Die zuständigen Behörden meldeten drei Festnahmen sowie ein paar brennende Mülleimer und Autos.

Seit dem Vortag sorgt ein Aufgebot von rund 1000 Sicherheitskräften mit Unterstützung von Polizeihubschraubern für Ruhe. Anwohner berichteten, viele Eltern hätten die Jugendlichen am Ausgehen gehindert. Die Polizei werde so lange durchgreifen, wie es nötig sei, kündigte Innenministerin Michelle Alliot-Marie nach einem Besuch in der Vorstadt an.

Soziale Krise oder Ausbruch von Anarchie

Der Ausbruch der Gewalt hat die Diskussion in Frankreich um die Integrationspolitik neu belebt. Die selbst aus einem sozialen Brennpunkt stammende Staatssekretärin für Städtebau, Fadela Amara, arbeitet derzeit an einem Plan "Achtung und Chancengleichheit", der am 22. Januar von Präsident Nicolas Sarkozy präsentiert werden soll. Im Gespräch mit dem "Parisien" kündigte Amara Härte gegen die Unruhestifter an.

"Was passiert ist, das ist keine soziale Krise", sagte die einstige Gründerin einer Einwanderer-Frauenbewegung. "Hier geht es um anarchische städtische Gewalt." Man müsse zunächst "der Unordnung mit Festigkeit begegnen". Sie werde weiter an ihrem Plan arbeiten.

Der sozialistische Abgeordnete Henri Emmanuelli warf der Regierung dagegen vor, 30 Millionen Euro zu wenig für die Vorstädte auszugeben. Die Polizei vermittele in den Vorstädten "den Eindruck einer Besatzungspolizei", sagte Emmanuelli. Die Sozialisten werfen Sarkozy vor, mit der Abschaffung der Nachbarschaftspolizei und dem Rückgriff auf die kasernierte Bereitschaftspolizei die Konfrontation gefördert zu haben. Auch der deutsch-französische Publizist Alfred Grosser erklärte der "Thüringer Allgemeinen", die Abschaffung der bürgernahen Polizei sei ein Fehler gewesen. (ho/dpa/AFP)

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