Politik : Gewerkschaft im Museum

In Neu-Anspach wird der Kanzler von wütenden Demonstranten ausgepfiffen. Und der DGB-Chef kämpft

Dagmar Rosenfeld[Neu-Anspach]

1. MAI: DER STREIT UM DIE SOZIALE GERECHTIGKEIT

Von Dagmar Rosenfeld,

Neu-Anspach

Das Wetter ist mäßig, die Stimmung prächtig. Zu Tausenden sind sie gekommen, mit Fahnen stehen sie auf dem Marktplatz zwischen Fachwerkhäusern, trinken Bier und Fanta, essen Popcorn und Bratwurst. Es gibt ein Karussell für die Kinder, am Nachmittag singt Konstantin Wecker.

Die zentrale Mai-Kundgebung der Gewerkschaften – nicht unbedingt sinnstiftend, dafür ungemein gemeinschaftsfördernd. Das ist Tradition so. Denn der 1. Mai ist der Festtag der Gewerkschaften. Da feiert die Arbeiterbewegung sich selbst. Unter dem Motto „Menschlich modernisieren – gerecht gestalten. Das machen wir“, tut sie das diesmal im Freilichtmuseum Hessenpark im Hochtaunus. „Gestern“ ist hier überall. Das liegt aber nicht nur daran, dass die Gewerkschaften ihre zentrale Maikundgebung dieses Jahr im Freilichtmuseum veranstalten. „Es war mal an der Zeit, außerhalb einer Großstadt zu feiern“, begründet ein Gewerkschaftssprecher die Idee, den Chef aller Gewerkschafter, Michael Sommer, vor der historischen Kulisse kämpfen zu lassen. Gegen den Parteifreund Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Die neue Zeit kommt in einem großen schwarzen Vogel, einem Bundeswehrhelikopter. Es ist 12 Uhr 45, als Schröder die Bühne betritt. Auch das ist Tradition, dass die Politik am 1. Mai Gast der Gewerkschaften ist. An diesem Tag erinnern deutsche Sozialdemokratie und Arbeiterbewegung an ihre gemeinsame Vergangenheit, ihr gemeinsames Trauma, an die Jahrzehnte der Verfolgung. Doch diesmal ist der Kanzler allein unter Freunden. „Lieber Gerhard“, begrüßt ihn der DGB-Vorsitzende Michael Sommer, „wir sind zwar in derselben Partei, aber diesmal anderer Meinung“. Die Agenda 2010 habe mit Reformen nichts zu tun. Durch die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe werde nicht ein neuer Arbeitsplatz geschaffen, und auch nicht durch einen gelockerten Kündigungsschutz. „Auch wir wissen, dass reformiert werden muss, allerdings sozial gerecht“, fordert er. Die Gewerkschaften seien zur Diskussion bereit, „aber wir leben nicht in einer Basta-Republik, lieber Gerhard“.

Als Schröder ans Rednerpult tritt, setzen Hunderte ihre Trillerpfeifen an, und ein gigantisches Pfeifkonzert ertönt. „Trillerpfeifen sind keine Argumente“, sagt der Kanzler mit starrer Miene. Wer pfeife, habe zwar volle Backen, aber wenig im Kopf. Schröder spricht von den politischen Konsequenzen, die endlich her müssten, als Antwort auf die wirtschaftlichen Veränderungen. Seine linke Hand steckt in der Anzughose, mit der rechten formt er eine Faust, während er sagt, dass es vernünftig sei, die Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammenzulegen. Und dass staatliche Konjunkturprogramme, wie sie der DGB fordert, nicht die Lösung sein könnten. „Das sind Schulden auf Kosten der künftigen Generationen. Wir können doch jetzt nicht aufessen, wovon unsere Kinder noch leben müssen.“ Dass er seine Agenda 2010 im Bundestag durchsetzen will, daran lässt Schröder keinen Zweifel. „Aufhören, aufhören“, ruft ein Trupp mit Verdi-Fahnen, und die mit den Trillerpfeifen geben alles. Das hindert den Kanzler nicht, am Ende die Hände in Siegerpose in die Luft zu strecken.

„Schröder hat doch Recht“, sagt Jörg Reif und zupft an seinen langen braunen Haaren. Reif arbeitet in der Köhlerei im Freilichtmuseum. „Wir sind doch viel zu bequem geworden“, sagt er. Die Bankangestellten und Einzelhandelsbeschäftigten, die U-Bahn-Schaffner und öffentlich Bediensteten, die mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi nach Neu-Anspach gekommen sind, sehen das freilich anders: „Schröder asozialer Desperado“ ist in großen Lettern am Infostand von Verdi zu lesen. Ein Mann mit Lederblouson und grauem Schnäuzer steht daneben. „Stoppt Schröders sozialen Raubzug“, ist mit schwarzem Stift auf ein Schild geschrieben. „Wir haben dem Bundeskanzler heute deutlich gezeigt, was wir von seinen Reformen halten“, sagt der Schnauzbart. Das ist offenbar nicht allzu viel.

Mit ihrer Gewerkschaft sind sie zufrieden an diesem Tag im Museum. Die Kinder gucken dem Zauberer zu, und die Männer stehen mit einem Bier auf dem Marktplatz und politisieren ein bisschen. Wolfgang Streeck, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, hat die IG Metall vor ein paar Jahren eindringlich davor gewarnt, in ihrer Traditionsverhaftetheit der Bauernverband der Industriegesellschaft zu werden. An diesem 1. Mai scheinen die Gewerkschaften da angekommen zu sein. Und sie fühlen sich wohl dabei.

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