Politik : Gewerkschaften im 3. Reich: Flächendeckend gleichgeschaltet

Hannes Schwenger

Alles neu macht der Mai: Kaum hatten die freien Gewerkschaften noch einmal ihren 1. Mai gefeiert, da hieß es am 2. Mai 1933 auch schon auf ihren Gewerkschaftshäusern: "Die Fahne hoch". Morgens um 10 Uhr besetzte die SA im ganzen Reich die letzten Gewerkschaftshäuser. Sie nannte es "Gleichschaltung". Die Hoffnung, durch Anpassung und Zurückhaltung im "Neuen Staat" des Nationalsozialismus zu überwintern, hatte die freien Gewerkschaften und Berufsverbände ebenso getrogen wie einen Teil der demokratischen Parteien bei ihrer Zustimmung zum "Ermächtigungsgesetz".

Dass man es schon vor dem 2. Mai hätte besser wissen können, ist die auf über 300 Seiten belegte These der Dokumentation "Gleichgeschaltet" von Dirk Erb. Sie soll "anhand von Dokumenten und Erinnerungsberichten zeigen, wie die Nazis Gewerkschaften und Berufsverbände schon lange vor der Machtübertragung im Januar 1933 terrorisierten und schließlich zerschlugen, als sie an der Macht waren". Einiges davon hat man schon in anderen Dokumentensammlungen gesehen und gelesen, anderes wird hier zum ersten Mal gedruckt.

Am Anfang steht - scheinbar beliebig, aber doch symbolisch - ein Bericht vom Februar 1930 aus Heidelberg über die Sprengung einer Veranstaltung der sozialistischen Studentengruppe durch den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund. Dann folgt ein Überfall auf eine Demonstration des "Reichsbanners" im Juni 1930 und 1931 der erste Mord an einem Reichsbannermann in Hannover. Im April 1932 wird die SA verboten, im Juni wieder zugelassen und "rächt" sich mit Überfällen auf Gewerkschaftshäuser in Hannover, Stuttgart und anderen Städten. Von da an wird ihr Terror flächendeckend. Der Parteivorstand der SPD erhebt schon 1932 "schärfsten Protest" gegen eine Politik, "die bestimmt wurde durch offenkundige Begünstigung gegenüber der verfassungsfeindlichen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei".

Das sind die offenen Rechnungen, die im Frühjahr 1933 beglichen werden. Dass die Nazis nichts und niemanden vergessen haben, zeigt das letzte Dokument des Buches: Eine öffentliche Aufforderung der Gestapo an Berlins Litfaßsäulen, "die Behörden bei der Ermittlung und Überführung" des SPD-Vermögens zu unterstützen, "und zwar sowohl des eigentlichen Parteivermögens als auch des Vermögens aller so genannten Nebenorganisationen der SPD". Da sitzen ihre Funktionäre schon im KZ - "gleichgeschaltet" mit Kommunisten, Christen und Gewerkschaften aller Couleur. Deshalb nennt Jürgen Peters, 2. Vorsitzender der IG Metall, die Dokumentation ein "Buch für alle, die bereit sind, unsere Demokratie gegen Gewalt und Dummheit zu verteidigen". Die Letztere nicht zu vergessen. Vielleicht sollten wir ja den 1. Mai als Tag der Arbeit, aber den Zweiten als Tag der Dummheit begehen.

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