Politik : Gewerkschaften wollen weg vom schlechten Image

Robert Birnbaum

Altbacken, verzopft, verschlafen - das Image der Gewerkschaften ist nicht das Beste. Und ihre Lage ist es auch nicht: Knapp über acht Millionen Mitglieder verzeichnete der Deutsche Gewerkschaftsbund zum Ende des vorigen Jahrhunderts - ein Minus von 3,3 Prozent im Vergleich zu 1998, ein Verlust von fast einem Drittel der Mitgliedschaft seit 1991. Diesen bedrohlichen Aderlass will der DGB jetzt stoppen - mit einer Image-Kampagne, die sich der Dachverband gut zehn Millionen Mark kosten läßt. "Wenn das öffentliche Bild problematisch ist, dann ist das nun einmal eine ungünstige Voraussetzung für die Mitgliederwerbung", sagt DGB-Chef Dieter Schulte am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung der Aktion.

"Wer, wenn nicht wir?" - der Satz ist das Leitmotiv der Plakat- und Filmserie, die ab 1. Mai das Land überziehen sollen. Die Plakate zeigen leicht verschwommene Motive zu rhetorischen Fragen: "Wer sorgt dafür, dass nicht nur der Aktionär gewinnt?" wird mit einem Golfball auf grüner Wiese untermalt - die Antwort ist klar: "Wer, wenn nicht wir?" Eindrucksvoll auch der Haifisch, der zu der Frage "Wer stoppt die Gier?" in einen Eisengitterstab beißt. Das so dringlich erstrebte Image der Modernität symbolisiert eine Babyflasche vorm Laptop ("Wer denkt an die Jobs von morgen?"). Furchtbar aufregend ist das alles nicht, furchtbar modern auch nicht. Die Kampagne, sagt Schulte, solle nicht nur nach außen wirken, sondern auch "nach innen Identifikation schaffen, Zusammengehörigkeit erfahrbar machen und Selbstbewußtsein erneuern".

Das würde immerhin erklären, weshalb die neben den Plakaten produzierten Werbefilmchen den Charme des Offenen Kanals Bochum-Leer ausstrahlen. Da blicken aufrechte Gewerkschafter aufrecht in die Kamera und versuchen vergebens zu erklären, was sie so tun und weshalb also die Gewerkschaften wichtig sind. Der Umweltbeauftragte bei Conti in Hannover ist demnach offenbar irgendwie dafür zuständig, dass es da gelbe Mülltonnen gibt. Und über einen der Höhepunkte der Kampagne, ein DGB-Projekt namens "Zeiten der Stadt" auf der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover, erfährt der Zuschauer immerhin: "Was für den einen die Arbeitszeiten sind, sind für den anderen die Öffnungszeiten." Der Rest bleibt unverständlich. Dass die Kampagne dem DGB regelrecht neue Mitglieder in die Arme treiben wird, mag offenbar auch Schulte nicht glauben: Die Werbeaktion solle "Wege bereiten, um mehr Mitglieder zu bekommen", formuliert der Gewerkschaftschef vorsichtig. Die beste Reklame scheint ihm ohnehin eine ganz andere zu sein: Der nächtliche Tarifabschluß der Metaller in Nordrhein-Westfalen kommt Schulte wie gerufen. Da könne man doch sehen, wie wichtig und zukunftszugewandt die Gewerkschaften seien.

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