Politik : Gewesen oder nicht gewesen

War Lothar Bisky wissentlich ein Stasi-IM? Nein, sagt er – die wissenschaftliche Forschung legt das Gegenteil nahe

Robert Ide,Jost Müller-Neuhof

Von Robert Ide

und Jost Müller-Neuhof

Die Akte ist offen. Und damit die Wahrheit heraus? Lothar Bisky war Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit, sagen Politiker nach der Entschlüsselung einer „Rosenholz“-Datei. Etwas vorsichtiger, aber in der Sache gleich sieht dies die Akten-Behörde Marianne Birthlers. Lothar Bisky war kein IM, weil es keine Berichte gibt und keine Verpflichtungserklärung, sagen dagegen Biskys PDS-Freunde. Auch Bisky selbst will nie wissentlich ein IM gewesen sein. Lügt er?

Fest steht: Lothar Bisky ist von der Stasi unter zwei Decknamen registriert worden – „Bienert“ und „Klaus Heine“. Das belegen die Akten. Die erste Registrierung Biskys als IM „Bienert“ bei der für Westspionage zuständigen Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) erfolgte 1966. Im IM-Vorgang finden sich Hinweise darauf, dass die Stasi Materialien von Bisky bekam. Zudem legte der Geheimdienst eine Arbeitsakte an und registrierte Bisky 1987 erneut. Die Berichte selbst und mögliche Verpflichtungserklärungen sind vernichtet. Lässt sich dieser Fall nicht aufklären?

Der Behauptung Biskys, er sei nie wissentlich IM gewesen, stehen zumindest Erkenntnisse der wissenschaftlichen Stasi-Forschung entgegen. Zudem war nach den internen Richtlinien der Stasi keine Erklärung nötig. „Nach Möglichkeit, aber nicht als Bedingung, wird den geworbenen Personen eine schriftliche Verpflichtung abverlangt. Durch diese darf die Werbung jedoch nicht gefährdet werden“, hieß es in der IM-Richtlinie 1/59 für die HVA, die von 1959 bis 1968 galt. „Die Stasi hat in aller Regel einen IM durch einen Führungsoffizier geworben“, sagt Birthlers Sprecher Christian Booß. Stasi-Experte Hubertus Knabe ergänzt: „Eine Verpflichtung war nicht zwingend nötig.“

Gerhard Barkleit vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden weist darauf hin, dass Führungsoffiziere die Anwerbung mit ihren Vorgesetzten und mit den Kandidaten besprachen und einen Werbungsplan erstellten. „Dort stand dann: Die Anwerbung wurde per Handschlag vorgenommen.“ Barkleit glaubt nicht, dass Stasi-Beamte mögliche Zuarbeiter ohne deren Zustimmung als IM in die Kartei aufgenommen hätten – etwa, um als besonders fleißige Werber zu gelten. „Das ist kaum vorstellbar. Wenn die Stasi das gemerkt hätte, hätte es für den Mitarbeiter katastrophale Folgen gehabt.“ Barkleit unterstreicht gleichwohl, dass dies nicht völlig auszuschließen sei. „Dass jemand sagt, er sei ohne sein Wissen als IM geführt worden, kommt häufiger vor.“ Dies sei unabhängig vom Wahrheitsgehalt „zumindest nicht zu widerlegen“.

Ist Bisky also eine historische Ausnahme, ein IM ohne IM-Bewusstsein, der von einem übereifrigen Stasi-Mann archiviert wurde? Der Historiker Clemens Vollnhals, der 1995 für die damalige Gauck-Behörde das Thema erforschte, schrieb: „Die Führung fiktiver IM als gängige Praxis sozialistischer Planerfüllung ist nach der Einzelfallprüfung einiger zehntausend IM-Fälle in den Bereich der interessierten Legendenbildung zu verweisen.“

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