Gibraltar : Annäherung am Affenfelsen

Als erster Vertreter der spanischen Regierung seit über 300 Jahren besucht Außenminister Moratinos die britische Kolonie Gibraltar.

Ralph Schulze[Madrid]
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Streitobjekt: Die Gewässer vor dem Affenfelsen Gibraltars. Foto: pa/dpa

Es ist kein leichter Besuch auf dem Affenfelsen für Spaniens Außenminister Miguel Angel Moratinos. Fahnen des Vereinigten Königreichs wehen an Fenstern und Balkonen in Gibraltars Straßen. „We are British“, rufen ihm die Menschen entgegen. Moratinos soll bloß nicht vergessen, dass die knapp 30 000 Einwohner der britischen Kronkolonie auch künftig keine Lust haben, sich dem benachbarten Spanien anzuschließen.

Erstmals seit der Eroberung Gibraltars durch Großbritannien vor mehr als 300 Jahren hat am Dienstag mit Moratinos ein spanischer Minister die umstrittene Minikolonie besucht, welche am Südzipfel Spaniens klebt. Der spanische Außenminister verhandelte mit seinem britischen Amtskollegen David Miliband und Gibraltars Regierungschef Peter Caruana über die weitere Normalisierung der schwierigen Nachbarschaft. Dies sei „ein kleiner Schritt“, der die Diplomatie „einen großen Sprung“ voranbringe, urteilte Gibraltars Zeitung „Chronicle“.

Der Besuch Moratinos’ hat vor allem symbolischen Charakter. Beinahe wäre diese Annäherung in jener Felsenkolonie, in der die letzten frei lebenden Affen Europas hausen, im letzten Moment gescheitert. „Spanien wirft mit Bananenschalen“, hatte Gibraltars Regierungschef Caruana kurz vor dem historischen Treffen geschimpft. Caruana ärgerte sich über vermehrte „Angriffe“ der spanischen Küstenwacht auf koloniale Hoheitsgewässer. Dem Krieg der Worte folgte die Empfehlung Caruanas an die unter Gibraltarflagge fahrenden Schiffe, sich notfalls mit Leuchtraketen gegen „provokative“ Kontrollen spanischer Grenzschützer zu wehren. Doch die Wellen beruhigten sich zunächst wieder – das heikle Thema der Hoheitsgewässer wurde schlicht, um weitere Misstöne zu vermeiden, von der Tagesordnung des Treffens am Dienstag ausgeklammert. Dasselbe galt für Madrids Dauerforderung, dass die Kronkolonie an Spanien zurückgegeben werden müsse. Gibraltar sei „der letzte koloniale Überrest in Europa“, hatte sich Moratinos vor einigen Jahren erregt.

Den Anspruch auf Gibraltar gibt Spanien zwar nicht auf. Doch der diplomatische Kanonendonner wurde inzwischen durch freundschaftliche Nachbarschaftstreffen abgelöst. „Friedensabkommen“ sorgen dafür, dass Hindernisse für ein normales Zusammenleben zunehmend beseitigt werden: Der Flughafen Gibraltars wurde inzwischen auch für Spanien geöffnet. Telefonverbindungen zwischen beiden Territorien wurden vervielfacht, und stundenlange exzessive Kontrollen spanischer Zöllner vor allem bei der Autoreise von Gibraltar nach Spanien wurden zumindest reduziert. Spanien hatte in den letzten Jahrzehnten Schikanen im Grenzverkehr immer wieder als Druckmittel gegen die Kronkolonie benutzt – zwischen 1969 und 1985 war der Schlagbaum sogar weitgehend geschlossen. Gibraltar gehört nicht zum Schengen-Territorium.

Jedes Jahr kommen rund acht Millionen Besucher nach Gibraltar. Die meisten sind Tagesbesucher, die von der nahen Costa del Sol in Südspanien zum Einkaufen in das Finanz- und Steuerparadies einfallen. Im Jahr 2002 hatten 99 Prozent der Einwohner Gibraltars gegen einen Anschluss an Spanien gestimmt – London sagte zu, dies zu respektieren. Auch das muntere Treiben der etwa 200 wilden Affen auf Gibraltars markantem Felsen spricht dafür, dass Spaniens Gebietsansprüche wenig Chancen haben: Nach der auf der Felsenhalbinsel gepflegten Legende wird Gibraltar so lange britisch bleiben, wie es auf dieser Landspitze Affen gibt.

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