Politik : Giftige Bonbons?

Nach den Misshandlungen gibt es jetzt Vorwürfe gegen deutsche Soldaten im Ausland – doch die sind vage

Axel Vornbäumen

Berlin - Die Bundeswehr muss sich mit einem neuen Vorwurf des Fehlverhaltens von Soldaten auseinander setzen. Er ist schwerwiegend, basiert allerdings auf höchst unsicherer Quellenlage: In einer Eingabe an den Wehrbeauftragten des Bundestags hat ein ehemaliger Bundeswehrsoldat davon berichtet, dass Soldaten bei einem Auslandseinsatz giftigen Trockenbrennstoff als „Bonbons“ an Kinder verschenkt hätten. Dies habe er von anderen Soldaten gehört. Der Wahrheitsgehalt des Vorwurfs ist vom Verteidigungsministerium schwer zu verifizieren – er trifft allerdings eine Armee, die durch die jüngsten Misshandlungsberichte in ihrem Renommee schwer angeschlagen ist.

Ministeriumssprecher Hannes Wendroth machte am Freitag in Berlin deutlich, dass auch diesem Fall nachgegangen werde. Er bezeichnete den Vorwurf als sehr vage. Der Mann, der früher bei Panzergrenadieren in Ahlen gedient hat, habe weder sagen können, ob es die Vorfälle in Afghanistan oder auf dem Balkan gegeben haben soll; noch sei die Zeit genannt, in der sich der Vorfall ereignet haben soll. Zügige Ermittlungen seien schwierig, da der Ex-Soldat offenkundig von einem privaten Fernsehsender unter Vertrag genommen und „untergetaucht“ sei.

Laut Büro des Wehrbeauftragten handelt es sich bei der Fernsehstation um „Spiegel-TV“. Der Sender wies dies zurück. Der zuständige Redaktionsleiter von „Spiegel-TV“, Thomas Heise, sagte, sein Sender kenne den Soldaten aus einem Interview zu Misshandlungen bei der Bundeswehr in Ahlen. Er habe die Bonbon-Vorwürfe bereits damals erhoben. Man habe diese nicht gesendet, da die Angaben nicht verifizierbar gewesen seien. Heise widersprach der Aussage, ein Vertrag mit dem Sender stehe der Aufklärung im Wege: „Wir haben keinen Vertrag mit ihm. Wir wissen auch nicht, wo er ist.“

Träfe der Vorwurf des Ex-Soldaten zu, hätte die Bundeswehr sich nun auch mit gravierendem Fehlverhalten ihrer Soldaten gegenüber der Zivilbevölkerung im Ausland auseinander zu setzen. Der Verteidigungsexperte der Grünen, Winfried Nachtwei, sagte dem Tagesspiegel, der Fall sei schwer vorstellbar – wenn, dann widerspräche er fundamental der Grundeinstellung derjenigen Soldaten, die auf Auslandseinsätze geschickt würden. Auch der CSU-Verteidigungsexperte Christian Schmidt bewertete den Fall allenfalls als „kriminelle Dummheit, denn als Strukturproblem“. Schmidt machte im Gespräch mit dem Tagesspiegel dem Verteidigungsminister allerdings den Vorwurf, „immer nur scheibchenweise mit den Verfehlungen“ herauszurücken.

Im Ministerium selbst rechnet man damit, dass nach Bekanntwerden der Misshandlungen in der Kaserne im nordrhein-westfälischen Coesfeld weitere „Einzelfälle“ ans Tageslicht kommen. Dies könne „auf verstärkte Dienstaufsicht, aber auch deutlich gesteigerte Sensibilität im Meldeverhalten“ zurückgeführt werden, heißt es in einem Bericht an den Verteidigungsausschuss, der dem Tagesspiegel vorliegt.

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