• GIGANTISCHE PLASTIKWIRBEL Überreste von Kunststoffen kreisen in den Weltmeeren Meerestiere halten sie für Nahrung und verenden erbärmlich

Politik : GIGANTISCHE PLASTIKWIRBEL Überreste von Kunststoffen kreisen in den Weltmeeren Meerestiere halten sie für Nahrung und verenden erbärmlich

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Selbst die Südsee mit ihren über etliche tausend Kilometer verstreuten meist kleinen Inseln und Atollen bleibt von einem der großen, aber kaum beachteten Problem in den Weltmeeren nicht verschont: Als Marcus Eriksen von der Meeresschutzorganisation 5 Gyres Institute in Los Angeles und Wissenschaftler aus Kalifornien, Hawaii und Chile jetzt zwischen der Robinson-Crusoe-Insel, der Osterinsel und der Pitcairn-Insel den Südpazifik genau unter die Lupe nahmen, entdeckten sie dort einen gigantischen Wirbel aus Plastikmüll, den sie in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung beschreiben (Marine Pollution Bulletin, 2013, im Druck). Ähnliche schwimmende Kunststoff-Abfallhalden kreisen im Nordpazifik zwischen Japan, China und Nordamerika, sowie im Nordatlantik zwischen Karibik und Nordafrika. Vergleichbare Gebilde im Südatlantik und im Indischen Ozean harren noch einer genaueren Analyse.

Der wenigste Plastikmüll, der dort im Wasser schwimmt, fällt über die Reling von Schiffen. Das meiste kommt vom Festland. Lassen Badeurlauber Flaschen und Tüten am Strand liegen und entsorgen die Menschen in den Siedlungen an der Küste ihren Müll illegal, spülen die Wellen einen Teil davon ins Meer. Weit größere Mengen Plastikabfall stammen jedoch aus dem Landesinneren, wo sie absichtlich oder gedankenlos ins Gebüsch oder auf den Acker geworfen werden. Der Regen schwemmt diese Teile in Gewässer, die sie dann ins Meer tragen. Der an der Südpazifik-Studie beteiligte Meereswissenschaftler Martin Thiel von der Universidad Catolica del Norte im chilenischen Coquimbo fischt bei seinen Studien vor der Pazifikküste Chiles einiges von diesem Plastikmüll wieder aus dem Wasser. „Dort haben wir bereits Fischernetze gefunden, die Stürme oder Strömungen losgerissen haben“, berichtet der Forscher.

Auch Tsunami-Müll schwimmt im Meer

Einen Teil des in den Ozeanen gelandeten Plastiks tragen die Strömungen auf die Hochsee hinaus. Am 27. Mai 1990 verlor das Schiff Hansa Carrier südlich von Alaska fünf Container mit rund 61 000 Nike-Turnschuhen. Dem chinesischen Frachter Tokio Express gingen am 10. Januar 1992 drei Container mit 29 000 bunten Spielzeugtierchen über Bord. Gelbe Enten, grüne Frösche, blaue Schildkröten und rote Biber aus Plastik treiben seither im Pazifik. Schließlich schwemmte auch der Tsunami im März 2011 jede Menge Treibgut von der japanischen Küste aufs Meer hinaus. Das Treibgut wird von den Strömungen mitgetragen, die einen riesigen langsamen Wirbel im Nordpazifik bilden. Es dauert ungefähr drei Jahre, bis der Plastikmüll dort eine Runde gemacht hat, immer wieder treiben dann einige Teile an die Strände Alaskas und Kanadas. Angeblich hat sich im Internet sogar eine Tauschbörse gebildet, wo der passende linke Turnschuh von der Hansa Carrier zu einem angeschwemmten rechten Exemplar der Größe 40 gesucht wird.

Erst dieser angeschwemmte Plastikmüll brachte Forscher wie Curtis Ebbesmeyer von der University of Washington in Seattle auf die Spur dieser Wasserwirbel. Dort zerkleinern die Wellen diesen Abfall aber rasch. „Das Plastik zerbröselt auch im ultravioletten Licht der Sonne“, ergänzt Lars Gutow vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Gemeinsam mit Martin Thiel in Chile untersucht er die Müllwirbel in den Meeren. Die Gewalt der Elemente zerlegt das Plastik in so kleine Teile, dass sie oft nur unter einem Mikroskop sichtbar sind. Bei der Expedition in der Südsee fischten die Forscher diese Partikel mit einem Netz aus dem Wasser, dessen Maschen gerade einmal einen Drittel Millimeter Durchmesser hatten. Auf einem einzigen Quadratkilometer Pazifik zählten sie so durchschnittlich 26 898 Miniteilchen. Allerdings ist der Plastikmüll keineswegs gleichmäßig über die Südsee verteilt: Am Rande das Wasserwirbels schwimmen nur wenige Partikel, während die Teilchen im Zentrum wie in einer riesigen Falle gefangen bleiben. Dort zählten die Forscher dann auch 396 342 Partikel in einem einzigen Quadratkilometer Wasser.

Meeresbewohner schlucken die Abfälle

Analysieren Chemiker diese Teilchen, finden sie darin genau die chemischen Verbindungen, aus denen die meisten Kunststoffe auf der Welt hergestellt werden: Poly-Ethylen und Polyester, Polyamid und Poly-Acrylsäure, Poly-Propylen und Polymethacrylat. Damit ist klar, dass der in den Meeren kreisende Plastikmüll tatsächlich von den Kunststoffen stammt, die vom Land ins Meer geschwemmt werden. Das zeigen auch Analysen von Mikroorganismen, die in den vergangenen vierzig Jahren zwischen Island und der schottischen Nordküste, sowie zwischen Aberdeen und den Shetland-Inseln bei Routine-Untersuchungen aus dem Meer gefischt und aufbewahrt wurden: Die älteren Proben enthalten erheblich weniger Plastikfasern. Da in den vergangenen vierzig Jahren immer mehr Plastikverpackungen in Umlauf kamen, die nach einmaligem Gebrauch im Mülleimer landen, dürfte hier ein wichtiger Urheber der Müllwirbel in den Weltmeeren liegen.

Miesmuscheln nehmen Plastikteilchen auf

Gesund sind diese Plastikabfälle für viele Meeresbewohner nicht. Sie schlucken nicht nur diese Miniteilchen, sondern auch größere Reste von Plastikabfall. Verstopft der Müll die Verdauungsorgane, sterben Delfine und Schildkröten. In einem verendeten Albatros-Küken fand Curtis Ebbesmeyer rund hundert Plastikteilchen, mit denen wohl die Eltern ihren Nachwuchs gefüttert hatten. Auf den Midway-Inseln sterben rund ein Drittel der Küken der dort brütenden 1,5 Millionen Laysan-Albatrosse: Todesursache sind meist von den Eltern aus dem Meer gebrachte Plastikpartikel. Auch Miesmuscheln nehmen Miniplastikteilchen auf, wenn sie ihre Nahrung aus dem Wasser filtern. Ob der Kunststoffabfall so auf dem Esstisch der Menschen landet, ist allerdings noch nicht genau untersucht.

Bereits im Jahr 2000 verbrauchte jeder Nordamerikaner 130 Kilogramm Kunststoffe, auf das Konto jedes Westeuropäers gingen jährlich 92 und auf das eines Japaners 86 Kilogramm Plastik. Allenfalls die Hälfte aller auf der Erde produzierten Kunststoffe wird geordnet deponiert oder recycelt. Also landen gigantische Mengen Plastikmüll in der Landschaft und letztendlich im Meer. Diese Kunststoffe gefährden nicht nur die Lebewesen im Wasser direkt, sondern könnten auch die Ökosysteme umkrempeln, vermutet AWI-Forscher Lars Gutow: Auf ihnen könnten kleinere Arten von einer Küste zur anderen reisen, die anders einen solchen Seetransport kaum überstehen. Angeschwemmt an eine fremde Küste können solche blinden Passagiere erhebliche Schäden anrichten.

Dazu kommt: „Wenn wir mit unseren Schleppnetzen Proben vom Meeresgrund holen, erwischen wir fast immer auch einigen Müll, der dort unten liegt“, erzählt Lars Gutow. Ein Teil des Plastikabfalls sinkt offensichtlich in die Tiefe. Auf den Böden der Weltmeere könnte sich also ein riesiges, bisher kaum untersuchtes Müllproblem verbergen. Roland Knauer

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