Politik : Glanzloser Abgang

Polens Präsident Kwasniewski tritt nach zehn Jahren ab – in Erinnerung bleiben Skandale, aber auch Erfolge

Thomas Roser[Warschau]

Ein harmonischer Abschied sieht anders aus. Müde und grau wirkt Polens Präsident Aleksander Kwasniewski in seinen letzten Amtstagen. Statt in Interviews und Talkshows zufrieden seine zehnjährige Amtszeit zu bilanzieren, sieht sich der Staatschef lästigen Fragen nach umstrittenen Begnadigungsplänen und den Spekulationen über geheime CIA-Gefängnisse ausgesetzt. Sein Abschied heute wird zudem durch fehlende Berufsperspektiven getrübt. Auf Unterstützung der nationalkonservativen Regierung kann der linke Sonnyboy beim Streben nach einen Posten in der internationalen Politik- Arena kaum rechnen. Im Gegenteil: Am liebsten würden die neuen Machthaber den 51-Jährigen wegen vermuteter Verquickung in Skandale vor Gericht zerren.

Hämisch spricht die rechte Sensationspostille „Wprost“ bereits vom „Ende der Oligarchie“ und vergleicht den scheidenden Landesvater wegen seiner engen Bande zur Wirtschaft gar mit dem früheren ukrainischen Skandalpräsidenten Leonid Kutschma. Derartige Schmähungen werden der Leistung des nach wie vor sehr beliebten Präsidenten nicht gerecht. Mag die Ära des umgänglichen Sozialdemokraten auch relativ glanzlos zu Ende gehen: Erfolgreich hat Kwasniewski sein Land durch ein schwieriges Jahrzehnt des Wirtschaftumbaus und der Integration ins westliche Staatenbündnis geschleust.

Weltoffen und pragmatisch galt der junge Kwasniewski bereits zu sozialistischen Zeiten als Hoffnungsträger der polnischen Arbeiterpartei PZPR. Nach der Wende von 1989 drängte der Reformlinke die zu Sozialdemokraten gewandelten Postkommunisten auf Westkurs. Überraschend setzte er sich bei den Präsidentschaftswahlen 1995 gegen den Amtsinhaber und einstigen Solidarnosc-Chef Lech Walesa durch. Die Warnungen , dass Polen unter Kwasniewski seine Chancen auf die erhoffte Mitgliedschaft in Nato und EU verspiele und wieder in die Einflusssphäre Moskaus zu fallen drohe, erwiesen sich als grundlos. Diplomatisch aber energisch trieb er die Beitrittsverhandlungen voran. Als treuer Gefolgsmann Washingtons erwies sich Polens Präsident zudem im Vorfeld des Irakkrieges: Ohne Zögern stimmte er 2004 der Entsendung von Truppen zu.

Seine Popularität im eigenen Land hatte der Fußballfan, der 2000 mit großer Mehrheit bestätigt wurde, vor allem seinem ausgleichenden Naturell zu verdanken. Anders als sein polarisierender Vorgänger suchte Kwasniewski auch im Umgang mit politischen Gegnern den Konsens. Als „Präsident aller Polen“ unterhielt der Atheist enge Beziehungen zum Papst. Die Aussöhnung mit Deutschland trieb er voran. Gut kooperierte er mit dem konservativen Premier Jerzy Buzek. Und Fingerspitzengefühl bewies er bei der Entschuldigung für das Massaker von Jedwabne, das Polen im Krieg an jüdischen Mitbürgern begangen hatten.

Seine Mittlermission während der ukrainischen Orangen-Revolution brachte dem Vollblutpolitiker weltweit Anerkennung. Im Zuge der endlosen Kette von Skandalen des Linksbündnisses SLD, die 2004 Premier Leszek Miller den Posten kosteten, begann aber auch der Stern von „Kwach“ in Polen zu verblassen. Seine Weigerung, vor Untersuchungsausschüssen auszusagen, vermittelte den Eindruck, der Präsident habe etwas zu verbergen. Die Wahlschlappe der Linken im Herbst bezeichnet die „Polityka“ auch als Niederlage Kwasniewskis und „traurigen Schlusspunkt“ einer Epoche, in der Polen zwar enorme Erfolge erzielt habe, zu denen sich die Wähler aber nicht mehr bekennen wollten. Kwasniewski bleibe jedoch die Hoffnung, dass die Geschichte ihm noch „Gerechtigkeit verschafft“.

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