Politik : „Glaube darf keine Flucht sein“

Jugendbischof Bode über Jugendliche und Kirche

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„Die Kirche hat der Jugend viel zu sagen, und die Jugend hat der Kirche viel zu sagen“. Das ist ein Zitat von Papst Johannes Paul II. Man hat aber den Eindruck, dass vor allem die Freikirchen und die evangelikalen Bewegungen den Jugendlichen etwas zu sagen haben. Deren Gottesdienste sind voller junger Leute.

Ich glaube, wir haben gerade nach dem Weltjugendtag eine Menge Jugendliche, die das auch in der katholischen Kirche finden. Wir haben gelernt, dass wir Erlebnisse schaffen müssen, damit die Liturgie erfahrbar wird. Das tun wir bei uns in Osnabrück mit Jugendvespern im Dom, jetzt jede Woche mit 150 Leuten. Da sitzt man nicht nur in der Bank und erfährt sozusagen einen Frontalunterricht. Man sitzt im Chor zusammen, die Jugendlichen teilen ihre Erfahrungen mit Bibelstellen mit und erzählen aus ihrem Leben, sie singen Gesänge, die sie ansprechen. Gerade das Zeugnis-Geben, das Sprechen über eigene Erfahrungen oder das freie Beten, sind Elemente, die man auch in den Freikirchen kennt. Da haben wir durchaus von den kirchlichen Gruppen gelernt, die die persönliche Erfahrung zum Teil des Gottesdienstes machen. Aber wenn wir große Gottesdienste feiern am Sonntag, müssen wir etwas machen, was alle Generationen umfasst.

Aber solche Gottesdienste, die Sie beschreiben, kann man doch mit der Lupe suchen.

Nein, jede Diözese hat mittlerweile ihre Jugendkirche. Wir in Osnabrück haben eine Zeltkirche. Die Mitarbeiter gehen zwei Wochen an eine Schule mit dem Zelt, sprechen mit den Schülern über ihre Nöte, feiern Gottesdienste im Zelt. Das hat den Vorteil, dass wir an vielen Orten sein können und dass die Gestaltung sehr viel freier ist als in einer festen Kirche. Aber auch die festen Kirchen sind attraktiv für junge Leute. Die suchen heute wieder sakrale Räume, die eine lange Geschichte haben. Am liebsten gehen sie in den Dom. Sie mögen weniger die Betonkirchen aus den 60er Jahren, sondern Räume, die Geschichte atmen.

Kardinal Karl Lehmann hat zu Beginn der Bischofskonferenz in einer Predigt betont, dass es nicht um eine „Religion des Sich- Wohlfühlens“ geht, nicht um eine Religion, bei der man sich einfach das rauspickt, was einem gerade gut tut. Aber kann die katholische Kirche nicht froh sein, wenn sich Jugendliche überhaupt etwas herauspicken?

Chillout, Fröhlichkeit, das ist alles gut, um erst mal aus der Hektik des Alltags rauszukommen. Aber unser Gott hat sich eben den Menschen zugewandt, dem Leiden. Es kann nicht bei einer harmlosen Religiosität bleiben, sondern irgendwann muss das auch wieder in die Not des Alltags zurückkommen. Wir müssen uns auf diese konkrete Situation, auf das Leiden, auf den Nächsten einlassen. Religion darf keine Flucht vor der Realität sein. Heute haben wir ja sogar das Phänomen, dass Religion nicht nur verharmlost, sondern sogar pervertiert wird zur Gewalt. Da müssen wir Maßstäbe haben, wie man miteinander umgeht.

Wie wollen Sie das den Jugendlichen vermitteln?

Die Jugendlichen wollen sich ja einbringen, es gibt zum Beispiel viele, die zum freiwilligen Einsatz im Ausland bereit sind, die Zahlen steigen jedes Jahr. Jugendliche suchen sich vielleicht nicht mehr mit 15 Jahren den Verein aus, in dem sie sich dann bis zur Rente engagieren. Sie fragen sich sehr wohl, was ihnen persönlich etwas bringt. Aber das ist nicht nur eine Wellness-Generation.

Das Gespräch führte Claudia Keller.

Franz-Josef Bode (55) ist Bischof des Bistums Osnabrück und Vorsitzender der Jugendkommission in der Bischofskonferenz. Er hat den Weltjugendtag maßgeblich mitvorbereitet.

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