Politik : Glaube, Wille, Hoffnung

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Es scheint so, als wäre der gut beraten, der nicht glaubt. An nichts. Der nur seinem Willen und sich selbst vertraut. Ist doch so, in Anbetracht der deutschen Politiklandschaft. Und das an Weihnachten. Der eine, Laurenz Meyer, stand zu lange unter Strom. Der andere, Klaus Wowereit, kann nicht richtig rechnen, und mit der Geschichte hat er es auch nicht so. Die dritte, Angela Merkel, überlegt sehr lang, ob sie ihren eigenen Leuten vertraut, während der eigentliche, Gerhard Schröder, sich mit so genannten Freunden trifft und den Ausverkauf von Werten beschleunigt.

Wofür sind die Politiker verantwortlich, wenn nicht dafür, den Glauben an sie zu erfüllen? Den Glauben, den ihre Wähler in sie haben, oder besser: hatten. Wer nicht mehr glaubt, wählt nicht – vielleicht ist das Anreiz genug, wenn schon nicht die Moral.

Dieser Tage wird viel über Hirnforschung geredet. Wie viel freien Willen haben wir? Wie sehr folgt der Mensch dem, was ihm vorgegeben ist, was „determiniert“ ist durch die Natur? Und wie sehr kann er sich befreien von dieser Determination? Gibt es nicht auch Gründe, die den Menschen anders handeln lassen, als er eigentlich will? Oder sind auch schon die Gründe, nach denen einer sucht, wieder vorgegeben und damit die Entscheidungen auch? Ja, das sind Fragen, wie sie von Naturwissenschaftlern und Philosophen diskutiert werden. Vernunft und Freiheit, Freiheit und Verantwortung – darüber lohnt das Nachdenken auch.

So gesehen ist das, was wir in der Politik gegenwärtig erleben, eine Ableitung dieser Debatte. Wenn man so will. Und wenn das so ist, dann steht das hier fest: Wer in der Politik ist, hat sich an ein paar Determinanten zu halten. Sagen wir: Keinen Strom abzuzweigen, keinen anderen, auch keinen Parteifreund, zu ohrfeigen, und sich nicht als Erster Karten für die Fußball-Weltmeisterschaft zu besorgen. Es ist nämlich nicht vorherbestimmt, dass man das tun muss. Aber vorherbestimmt ist, was passiert, wenn es passiert: ein Aufschrei über das Treiben der Volksvertreter. Unserer Vertreter.

Was andererseits nicht passieren darf, ist, dass Politikern ein Verhalten aufgezwungen wird, nur weil es einer – oder eine Gruppe – so bestimmt. Keiner, der sich selbst eines Teils seiner persönlichen Freiheit beraubt, weil er in die Politik geht, muss deshalb auch gleich seine Persönlichkeit aufgeben. Oder Teile davon in der Öffentlichkeit abgeben. Keiner muss, zum Beispiel, immer alles, alles sagen. Wahrhaftig sein kann man trotzdem, lehrt Aristoteles, und glaubhaft. Wenn man ansonsten sagt, was wahr ist.

Vielleicht ein guter Weihnachtswunsch: dass es Anstandsregeln für den einzelnen Politiker gibt – aber sie nicht nur vereinzelt gelten. Da gerade eine Naturwissenschaftlerin an der Spitze der Christdemokraten steht: Ihr Posten determiniert, dass sie ihrer Partei ihren Willen deutlich macht. Das ist ihre Verantwortung. Aber weil es gute Gründe gibt, gegen Heuchelei, hat sie auch die Freiheit dazu. Wie im Fall Meyer.

Wenn die Volksvertreter jetzt doch keine Vorzugskarten für die WM 2006 haben wollen, so ist dennoch nicht alles gut. Was für sie gilt, ist: Es ist ein Privileg für 600, dem Willen von 80 Millionen Ausdruck zu verleihen und sie nicht zu enttäuschen. Nach ihrem Willen die Politik für die nächste Generation prägen zu dürfen. Wollen wir uns diese Erkenntnis zu Weihnachten wünschen. Und fest daran glauben.

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