Politik : Glauben lassen (Kommentar)

bul

Woran glaubt ein Kommunist, wenn er an den Kommunismus nicht mehr glaubt? An Gott, wenn es einigermaßen gut, an die Demokratie, wenn es richtig gut läuft. In China läuft es gar nicht gut. Die Kommunisten haben sich zwar von ihrer Ideologie verabschiedet und gewähren ökonomische Spielräume, aber Wahl-, Meinungs- und Religionsfreiheit, die möchten sie nicht gewähren. Und anders als in Russland, wo sich die orthodoxe Kirche auch unter dem Sowjetregime gehalten hat, gibt es in China kaum mehr religiöse Strukturen. Folgerichtig flieht ein Teil der KP aus der großen toten Kirche des Kommunismus in die kleine Falun-Gong-Sekte, selbstgestrickter Ad-hoc-Glaube, wie man ihn auch im Westen findet. Der größere Teil derer, die noch nicht ihre Macht, wohl aber ihre Überzeugungen verloren haben, entwickelt einen anti-religiösen Affekt. Der zeigte sich in diesen Tagen sowohl gegenüber der katholischen Kirche, als man ohne Zustimmung des Papstes Bischöfe ernannte. Und ein zweites Mal als der junge tibetische Lama das Land verließ. Umgehend entdeckte die politische Führung einen neuen Lama, einen lebenden Buddha von Pekings Gnaden. Ihren Lama, ihre Bischöfe - die meisten Führer Chinas scheinen noch immer nicht zu begreifen, dass Glaube Autonomie braucht. Und dass Religion die zentrifugalen Kräfte des großen, vielleicht zu großen Reiches eher bändigt als verstärkt. Wenn das Regime Angst hat vor Unordnung, dann wäre es besser, es würde die Korruption bekämpfen als die Religion. Und wenn die Kommunisten schon nicht mehr glauben können, sollten sie wenigstens glauben lassen.

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