Politik : Glaubensfrage

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Den Juristen ist der Begriff der Putativnotwehr vertraut, den anderen müssen wir das grob erläutern. „Putativ“ kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie „glauben, meinen“. Putativnotwehr ist, wenn einer glaubt, dass ihm ein anderer an den Kragen will, und den putativen Angreifer vorsichtshalber schon mal mit einer rechten Geraden niederstreckt, dann aber hinterher feststellen muss, dass der andere nur so mit den Händen gefuchtelt und die Augen gerollt hat, weil er einen Krampf im rechten Fuss hatte. Putativnotwehr wird nicht bestraft.

Warum wir das hier erzählen? Weil sich hinter den Linden gerade alle gefragt haben: Warum Goslar? Warum erklärt unser aller Kanzler ausgerechnet am späteren Abend und ausgerechnet in Goslar dem Weltsicherheitsrat den Nicht-Krieg? „Wer im Harz Urlaub macht, kommt an der über 1000-jährigen Stadt Goslar nicht vorbei“, heißt es zwar im Stadtprospekt, aber das ist ja kein hinreichender Grund. Weil der Wahlkampf in Niedersachsen für die SPD nicht so gut läuft? Aber niieeemals doch! Tout Berlin rätselt. Fragen wir den stellvertretenden Regierungssprecher. Ganz einfach, sagt Thomas Steg. Schröder habe in den letzten Tagen mit allerlei Leuten über seine Haltung gesprochen. Auch in größeren Gruppen, zum Beispiel beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Und da habe die Gefahr bestanden, dass einer von den Gesprächspartnern plaudert. Dann stehen die Kanzler-Worte in der Zeitung, und womöglich noch falsch! Da sei es doch besser, er sagt es selbst und richtig.

Ein Fall von Putativehrlichkeit also. Wenn das erst mal Schule macht! Stellen wir uns vor: Der Kanzler sagt jetzt immer alles sofort selbst, bevor es einer ausplaudern könnte. Das wäre eine Arbeitserleichterung – kaum zu glauben.

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