Politik : Glaubensfrage

Die König-Fahd-Akademie in Bonn sollte wegen Islamismus-Vorwürfen geschlossen werden. Vor Gericht ist das bisher gescheitert

Hermann Horstkotte[Bonn]

Im Hauruckverfahren wollte die nordrhein-westfälische Landesregierung im vergangenen Oktober die König-Fahd-Akademie in Bonn schließen, eine saudische Schule mit Moschee. Das Fernsehmagazin Panorama hatte Polizei, Politik und Öffentlichkeit mit einem Bericht über den bislang unentdeckten Gefahrenherd verfassungsfeindlicher Islamisten und Bombenbauer aus dem Umkreis von Al Qaida aufgerüttelt. Heute sieht, wie es der Bonner Polizeipräsident, die Oberbürgermeisterin und Regierungspräsident Jürgen Roters einvernehmlich darstellen, alles schon wieder ganz anders aus.

An die Schulschließung denkt inzwischen nur noch eine Bürgerinitiative, die jetzt 500 Unterschriften vorgelegt hat. Demgegenüber verweist OB Bärbel Dieckmann auf deutsche Schulen in der arabischen Welt, die man mit einem Aus für die Fahd-Akademie in ihrer Existenz gefährden würde. Über einen verbesserten Lehrplan zum Beispiel, mit einem Frauenbild nach unserer Verfassung, liefen fruchtbare deutsch-saudische Gespräche, sagte Roters.

Doch trotz gegenteiliger saudischer Zusagen im Oktober finden nach wie vor auch „außerschulische Veranstaltungen“ wie das Freitagsgebet in der Akademie statt. Darüber solle im Mai nochmals verhandelt werden, sagt der Regierungspräsident. Auf dem Weg dahin hat die Stadt zunächst einen fliegenden Freitagsbasar auf okkupiertem Gelände untersagt und damit nach Einschätzung von Polizeipräsident Wolfgang Albers die Anziehungskraft der Akademie erheblich geschwächt.

Der Polizeichef sieht im übrigen keinen direkten Handlungsbedarf. „Die Bonner Bevölkerung war durch Fahd und das Umfeld zu keinem Zeitpunkt gefährdet und ist es gegenwärtig auch nicht.“ Rein vorsorglich, so Albers, würden allerdings etwa ein Dutzend Personen vom Verfassungsschutz beobachtet. „Wir stellen eine große Verunsicherung bei den Betroffenen fest.“

Ein früherer Fahd-Lehrer, der in einer Predigt angeblich zum „Heiligen Krieg“ aufgerufen hat, ist auf deutschen Druck hin inzwischen entlassen worden. Aus der fristlosen Kündigung wurde vor dem Arbeitsgericht eine fristgerechte. Der Mann, so ein Polizeisprecher, lebt auf freiem Fuss, war vorher unbescholten und klage sich nun wie jeder von der Entlassung bedrohte deutsche Arbeitnehmer durch die Instanzen.

Die Oberbürgermeisterin, früher selber Leiterin eines Gymnasiums, sorgt sich vor allem um rund hundert deutsche Kinder, die die Fahd-Akademie besuchen. Dieckmann will den grundgesetzlichen Erziehungsauftrag des Staates auch gegen den Elternwillen durchsetzen und die Kinder an städtische Schulen versetzen. Das ist aber bislang schiefgegangen. In den ersten elf Verfahren unterlag das Schulamt achtmal endgültig vor Gericht. Und in den drei gewonnenen Fällen zögert die Stadt vor einem „Sofortvollzug“, weil das Oberverwaltungsgericht in Münster auf die Beschwerde der Eltern im Eilverfahren alsbald ein Rückkehrrecht an die Fahd-Akademie aussprechen könnte. Frustriert hat der Schulamtsleiter in zehn weiteren Fällen von sich aus die Versetzungsanordnung an eine deutsche Schule zurückgezogen. Sein einziger Erfolg: Einige Kinder haben die Fahd-Akademie „freiwillig“ verlassen, weil die Eltern einen Rechtsstreit vermeiden wollten.

Seit dem Umzug der Diplomaten von Bonn nach Berlin hat sich, wie die Oberbürgermeisteringern hervorhebt, am Rhein eine „neue internationale Community“ herausgebildet. Dazu gehören UN-Einrichtungen und Unternehmen wie Occar, eine Organisation für Rüstungszusammenarbeit mehrerer Nato-Partner mit rund 200 internationalen Arbeitsplätzen. Dem neuen Image Bonns ist es abträglich, wenn die Stadt in der internationalen Presse und Fernsehsendern mit islamischem Fundamentalismus in Verbindung gebracht wird. Im Herbst 1995 bei der Eröffnung der Fahd-Akademie hatte Dieckmann zwar noch applaudiert, als der saudische Prinz Abdulaziz Bin Fahd Bin Adulaziz womöglich ganz im Ernst erklärte: „Das ist ein Zentrum, das an der Verbreitung des gerechten Glaubens arbeitet.“ Die Zeiten aber haben sich geändert, und Bonn tut nun, was es kann, um sich auf der Höhe der Zeit zu bewegen – „im Rahmen des Rechtsstaats“, wie der Regierungspräsident hinzusetzt, als ob das nicht selbstverständlich wäre.

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