Politik : Gleich nebenan

Von Gerd Appenzeller

-

Wir sind noch einmal davongekommen. Die beiden Kofferbomben, die von Terroristen am 31. Juli in zwei Nahverkehrszügen von Köln nach Hamm und Mönchengladbach abgestellt worden waren, explodierten nicht. Ob das, wie die Behörden jetzt mutmaßen, an einem handwerklichen Fehler lag oder als Warnung so geplant war, ist offen. Vielleicht macht ein Bekennerschreiben, so es denn eines gibt, uns klüger. An einer bitteren Erkenntnis können wir uns aber nicht mehr vorbeimogeln. Der Terrorismus hat Deutschland endgültig erreicht.

Deutschen Boden erreicht, muss man treffender formulieren. Bereits das Attentat auf der Ferieninsel Djerba im April 2002 hatte sich ja gegen deutsche Touristen gerichtet. Und im Jahr davor waren die Einzelheiten der Anschläge auf die Türme des World Trade Center, wie man inzwischen weiß, von arabischstämmigen Studenten in Norddeutschland geplant worden. Nahöstliche oder islamistische Motive der Kofferbomber sind noch nicht erwiesen, aber zu vermuten. Einer der Täter stammt aus dem Libanon. Die Bundesrepublik ist ein Teil der von muslimischen Extremisten verachteten und bekämpften Wertegemeinschaft des Westens, Partner Amerikas und enger Freund Israels. Deutsche Soldaten sind in Afghanistan stationiert, eine Spezialeinheit dort in den Kampf gegen den fundamentalistischen Terrorismus involviert. Das sind Gründe genug, Deutschland zum Teil eines Feindbildes werden zu lassen.

Wer glaubt, er könne dem Dunstkreis dieses Terrorismus entkommen, indem er sich jeden weltpolitischen Engagements enthält, irrt so wie der berühmte Herr Biedermann, der das Treiben der Brandstifter durch Wegschauen verhindern zu können glaubte. Deutschland hat sich – siehe Irakkrieg – nicht leichtfertig in kaum zu rechtfertigende Auseinandersetzungen gedrängt, sondern lediglich jene Verpflichtungen erfüllt, die die eigene Geschichte und die Regeln unserer Bündnisse uns auferlegen. Und es bemüht sich, das macht ja die besondere Rolle der Bundesrepublik im Nahen Osten aus, dennoch immer wieder um freundschaftliche Beziehungen in die arabische Welt. Nur vor diesem Hintergrund war und ist unser Land als ehrlicher Makler im Nahen Osten erbeten.

Was diesen Terrorismus – wo immer genau seine Quellen liegen – aber so unheimlich macht, ist seine Nähe. Die Täter reisen nicht für ihre Anschläge aus dem Ausland nach Deutschland ein, sie können Menschen von nebenan sein, die seit vielen Jahren in diesem Land leben, vielleicht längst die deutsche Staatsangehörigkeit haben, sich aber dennoch hier ohne Wurzeln fühlen. Was da an Integration gescheitert oder gar nie versucht worden ist, arbeiten Politik und Gesellschaft gerade auf. Gescheiterte Einordnung darf aber niemals Terrorismus rechtfertigen. Ihn kann der Staat nur mit jenen Mitteln bekämpfen, die wir alle kennen. Ihrer Verwendung sollten wir uns auch nicht unter Hinweis auf dadurch eingeschränkte Freiheitsrechte verweigern. Videoüberwachung des öffentlichen Raumes, Datenabgleich zwischen Polizei und Diensten, funktionsfähige Antiterrordateien, Rasterfahndungen – das ist das Handwerkszeug, das die Polizei hier braucht, und wir sollten es ihr geben. Terror kostet Menschenleben, das Leben Unschuldiger – und auf dem Friedhof kann man mit der ganzen schönen Freiheit nicht mehr viel anfangen.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben