Gleichberechtigung : Zahn um Zahn

Gelebte Gleichstellung: Eine Kanzlerin hat das Land schon, nun zersägen Frauen den letzten Ast, auf dem die Männer sitzen. Adé, deutscher Wald. Eine Selbsterfahrung mit Kettensägen.

Deike Diening

Sie brauchen diesen Schein. Arbeit liegt vor ihnen. Eine Frauenärztin besitzt einen Wald auf Mallorca, der vom Borkenkäfer befallen ist. Einer Landschaftsgärtnerin stehen häufig Bäume im Weg. Eine Chemikerin will ihren ersten Tag in Rente zum Lernen nutzen. Eine Rothaarige, die tagsüber Damenoberbekleidung kalkuliert, sitzt abends gerne vor dem Kamin. Sie alle werden hier, sagt der Förster des Forstes Paderborn, heute nicht nur lernen, eine Motorsäge zu führen, sondern auch, sie auseinander zu nehmen, zu fetten, und zu pflegen. „Klar“, sagt die Frauenärztin, „wie eine Waffe.“

„Das Brennholzwerben“, schrieb das Forstamt Paderborn, „hat sich zu einer allseits beliebten und gleichzeitig nützlichen Freizeitbeschäftigung entwickelt.“ Schließlich ist der Ölpreis gestiegen. Schließlich lieben die Leute Kamine. - „Doch die Säge führt meistens der Mann.“

Der Waldarbeiter hat, wie der Köhler, etwas Archaisches, Einsames, Märchenhaftes. Der Mann, der mit einer Säge im Wald verschwindet und vielleicht nicht mehr daraus hervorkommt. Da sind Wurzelteller, die Tonnen wiegen, und Bäume, die schwer berechenbar sind. Da ist das windige bisschen Gegenwart im Vergleich zu all der aufrechten Vergangenheit, die sich hölzern erhoben hat.

Als D.H. Lawrence 1928 den Roman „Lady Chatterley’s Lover“ veröffentlichte, verursachte er einen Skandal: Eine Schlüsselszene beschreibt Oliver Mellors, den Waldarbeiter, der mit nacktem Oberkörper Holz hackt. Im Gebüsch steht Lady Chatterley, die Frau des Waldbesitzers, die bei diesem Anblick in ihrem Versteck langsam zu einer Pfütze schmilzt.

Mitte der 70er haben sie die Schutzkleidung für Waldarbeiter eingeführt, seitdem ist die Zahl der Beinverletzungen um 90 Prozent gesunken. Lady Chatterley bekäme heute nichts mehr zu sehen. Und womöglich ginge sie selbst in den Wald.

Sie würde sich eine „Stihl“, oder eine „Husqvarna“ zulegen, sie mit einem Zweitaktergemisch durch einen Einfüllstutzen betanken. Vorher aber hätte sie vielleicht diesen Grundkurs gebucht, ein Angebot des Forstamts Paderborn, ohne den man in Nordrhein-Westfalen nicht mehr in den öffentlichen Wald gehen darf, um sich Brennholz selbst zu besorgen. Zwei Stunden Theorie, sechs Stunden Praxis. Heute nur für Frauen. Acht Uhr früh.

Es sind handfeste Frauen, die zu Hause einen Aufsitzmäher haben, mit dem sie in 45 Minuten die große Wiese mähen, sie haben einen Laubsauger und für das Kaminholz eine Spaltmaschine: „Spaltkraft vier Tonnen.“ Wenn man ein Leben hätte wie sie, eine Motorsäge wäre das Natürlichste von der Welt.

„Wir fahren biologisch abbaubares Öl“, sagt Wilfried Kröger im Keller des Forsthauses. „Soja- oder Rapsöl.“ Denn auch die kleinen Ölmengen eines Waldarbeiters summieren sich: bei 150 Arbeitstagen an der Säge trägt er im Jahr 300 Liter Öl in den Wald. „Geht auch Salatöl von Aldi für 59 Cent?“, fragt eine der Pragmatischen. Nein, denn im Salatöl ist kein Haftzusatz enthalten, weshalb sich, wenn die Kette läuft, das günstige Salatöl per Fliehkraft im Wald verteilt.

Dem Forstmeister gefällt das hier sichtlich. Er hält Frauen für umsichtiger. Weniger Imponierdruck. Frauen gucken nie, wer das längste Schwert hat. Frauen, meint Kröger, pflegen auch nicht breitbeinig ihre Irrtümer: Kam neulich einer rein und hatte jeden Zahn seiner Kette gefeilt, aber vergessen, dass er dann auch die Tiefenbegrenzer runterfeilen muss, die vor jedem Zahn stehen und die Tiefe des Schnitts definieren. Dass die Säge dann gar nicht mehr sägte, erzählt Kröger jetzt nicht ohne Schadenfreude.

Bei der Waldarbeiter-Meisterschaft schaffte Kröger das Feilen der Kette zuletzt in gut zwei Minuten. Die Frauen rollen die Augen: Kann man doch auch zum Baumarkt geben, zum Schleifen! Nur, „so scharf kriegt die keiner hin, wie man selbst“, und 20 Prozent mehr Sägeleistung haben oder nicht haben, das werde einem wohl die 20 Euro wert sein, die man investieren muss für ein Schärfgitter, eine Tiefenbegrenzerlehre, eine Flach- und eine Rundfeile. Wenn sich die Säge nicht mehr mit ihrem eigenen Gewicht durch das Holz frisst, dann ist die Kette stumpf. Man sieht es auch an den Spänen: Fliegen keine Späne mehr, sondern Sägemehl, dann muss man das Schwert in einen Schraubblock schrauben, die Kette spannen – „überspannte Sägen gibt es nicht“ – und jeden Zahn einzeln mit einer Hohlfeile bearbeiten. Nie mit der Hand über eine Feile streichen, denn „Handfett nimmt der Feile ihren Hieb.“

Zu sehen ist nun, wie der mörderischen Gewalt der laufenden Säge die liebevolle Sorgfalt vorausgeht, mit der Kröger sich jetzt über das Schwert beugt und Zahn um Zahn auf gleiche Höhe bringt. Er weiß, dass zwei Millimeter Unterschied die Säge unrund laufen lassen. „Inne Fichten gehsse kaputt“, hatte Kröger gesagt, und genau dorthin geht es jetzt. Er sagt das, weil sich die gestaute Luft im Sommer derart zwischen dem Nadelholz herumdrückt, dass ein Waldarbeiter täglich seinen Luftfilter reinigen muss.

Die Verwandlung mit den Latzhosen und den Schnittschutzeinlagen, den klobigen, schweren Stiefeln, Visier und Lärmschutzkopfhörern hat schon stattgefunden. „Dreckkontakt“ ist zu vermeiden, hatte er gesagt, „geht alles auf die Ketten“. Seit „Kyrill“ liegt das Holz auf Spannung im Wald, unter Druck oder Zug, was dazu führen kann, dass einem entweder das Holz entgegen springt, oder das Sägeblatt stecken bleibt. Bei den Aufräumarbeiten starben seit Januar neun Waldarbeiter. Er hatte von der „Weißfingerkrankheit“ erzählt, die früher die Waldarbeiter befallen hat: taube, weiße Fingerkuppen, hervorgerufen durch die Maschinen, die damals noch stärker vibrierten. Er hatte eine Schnittschutzhose mit Loch gezeigt, aus der Mitte quollen Fäden, die sich in der Kette verfangen und sie sofort zum Stillstand bringen. Neben dem Loch klebte Beweisblut.

Die Frauen entwickeln Respekt. Wer mehr Respekt hat, verursacht weniger Unfälle.

Sie klemmen sich die Säge zwischen die Oberschenkel, die Linke hält den Motorblock, die Rechte greift zum Anlasserseil: Mehr oder weniger ermutigendes Gurgeln. Weniger, wenn die Säge lange nicht benutzt wurde. Zwischen den Oberschenkeln der Rothaarigen beginnt die Säge sich zu drehen, die Treibglieder ziehen die Zähne durch die Nut, weil das Standgas falsch eingestellt ist. Das ist natürlich nicht vorgesehen. Muskelkater vom Anreißen der Säge dagegen schon.

Reinhard Lange fällt eine kleine Fichte so geschickt, dass der Stamm auf ihrem ein Meter hohen Reststamm aufgebockt liegen bleib. Er turnt um die horizontale Fichte, und als er sich wieder aufrichtet, ist ihr Stamm nackt, die Äste liegen am Boden. Die meisten Unfälle, sagt er, geschehen in der Vorwärtsbewegung, wenn man im Gehen und Schneiden in die rasenden Zähne läuft.

Jede muss jetzt eine Fichte entasten. Die Säge ist schwer. Sie haben es so gewollt und dafür 80 Euro bezahlt.

Es sind sich ähnelnde Geschichten. Wie ihr Mann sie einmal zum Sägen in den Wald mitgenommen hat. Wie die anderen Männer dann erstmal komisch geguckt haben, dann aber doch beeindruckt waren und schließlich still geworden sind. Oder wie ein Nachbar immer angeberisch mit seinem Sägeschein winkte. Wie sie bald wortlos wird zurückwinken können. Die Landschaftsgärtnerin betreut, seitdem ihr Mann krank geworden ist, nun über 50 Gärten. Ihren zwei Söhnen ist die Vorstellung von Mutter an der Motorsäge geläufig.

Wie schlanke Säulen einer schattengrünen Kathedrale stehen die Buchen nebeneinander und wachsen dem höchsten Ziel des Försters von zwölf Metern astfreier Stammfläche entgegen. Die Luft zirkuliert unter diesen hohen Kronen frisch. Die Forstwirtschaft braucht starke Bäume, schwache werden erst „Bedränger“ genannt und dann abgeholzt. Reinhard Lange zeigt, wie man einen „Bedränger“ fällt. „Holzverlust“, schreit er, wenn man nicht nah genug am Boden abschneidet. Holzverlust ist zu vermeiden.

Dann fällt er eine große Buche. Ihr dumpfer, donnernder Aufprall auf dem Waldboden ist das lauteste Geräusch, das sie in den letzten 103 Jahren verursacht hat. Jetzt braucht man sie in Stücken. Die Sägen gurgeln, das Anlasserseil schnellt zurück. Fünf Lady Chatterleys knien sich ins Laub, die Zähne ihrer brüllenden Schwerter fressen sich ins Holz. Auf der Urkunde wird stehen: „Grundkenntnisse der Motorsägentechnik/ Sägearbeiten an liegendem Holz unter einfachen Verhältnissen.“

Die Späne berstender Jahresringe fliegen um die Visiere, alle haben jetzt Buche um die Ohren. Lady Chatterley schmilzt unter der dicken Schutzkleidung zu einer Pfütze.

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