Politik : Globalisierung ohne Ausländer? - Die Indernationale (Kommentar)

Harald Martenstein

Die CDU hat noch ein Problem : Der Kapitalismus funktioniert nicht mehr ohne Ausländer und offene GrenzenHarald Martenstein

Demnächst kommen einige tausend Computerexperten nach Deutschland: Ausländer. Auch Inder sollen darunter sein. Die Wirtschaft braucht sie. Dringend. Deswegen wird es Green Cards geben, egal, was die CDU oder die Gewerkschaften dazu sagen.

Früher forderte die CDU Freiheit statt Sozialismus. Heute fordert der nordrhein-westfälische CDU-Vorsitzende Jürgen Rüttgers: Kinder statt Inder. Er meint deutsche Kinder. Der Slogan ist dumm, aus vielen Gründen. Erstens, weil es eine Weile dauert, aus deutschen Kindern Computerexperten zu machen, die Arbeitskräfte werden aber sofort gebraucht. Die Alternative zwischen deutschen Kindern und Indern stellt sich also nicht. Zweitens, weil die Defizite der deutschen Bildungspolitik auch etwas mit einem ehemaligen Bildungsminister zu tun haben könnten, der Jürgen Rüttgers heißt. Drittens, weil der Slogan Ausländerängste schürt. Da wird populistisch herumgehaidert - als ob Deutschland in dieser Hinsicht nicht schon genug Probleme hätte.

Der vierte Grund aber ist der wichtigste: Der Slogan "Kinder statt Inder" beweist, dass viele Deutsche die Welt nicht mehr verstehen, nicht nur ein Teil der CDU, auch der Gewerkschaftsflügel der SPD. Rüttgers verkennt die Kräfteverhältnisse: Nicht die Inder können froh sein, wenn sie nach Deutschland hineingelassen werden. Im Gegenteil, die Deutschen müssen um die Inder werben. Schon liegen erste Wortmeldungen von indischen Informatik-Studenten aus dem Silicon Valley sowie aus dem indischen Bangalore vor, wo 300 000 Leute in der Software-Industrie arbeiten. Sie haben dort keine Lust auf Deutschland. Veraltete Software-Branche, schlechtes Wetter, schlechte Aufstiegschancen, Ausländerfeindlichkeit, Sprachbarriere, da will man nicht hin. Ein indischer Manager sagt in einem Interview, in Deutschland seien für die Kinder seiner Mitarbeiter die Schulen zu schlecht.

Die CDU ist gerade dabei, sich neu zu erfinden. Auch sie steckt in einer Modernisierungskrise, wie so vieles in Deutschland. Lange hat sie mit einem geschickten Balanceakt Erfolg gehabt. Die CDU, und noch entschiedener die CSU, war gleichzeitig modern und antimodern. Laptop und Lederhose. Sie war die Wirtschaftswunderpartei, prokapitalistisch, und sie stemmte sich gegen den Zerfall der Traditionen. Das war der konservative Zug in ihrem Selbstverständnis, der sich unter anderem in der weltfremden Formulierung spiegelte: Deutschland ist kein Einwanderungsland. Der Kapitalismus aber ist nun einmal der Traditionszerstörer Nummer eins. In der Inder-Diskussion muss die widersprüchliche CDU Farbe bekennen, da hilft kein Herumeiern: Reinlassen oder nicht? Konkurrenzfähiger Global-Kapitalismus oder konservative Abschottung, auch wenn es Wohlstand kostet?

Womöglich ist das Konservative und das Wirtschaftsfreundliche nicht mehr unter einen Hut zu bekommen, beim besten Willen nicht. Die Fronten verlaufen wieder einmal ungewohnt - die konservative Rechte und die gewerkschaftliche Linke sagen fast das Gleiche. Denn auch der Internationalismus und das linke gewerkschaftliche Selbstverständnis passen nicht mehr zusammen. Es sind die Verdammten dieser Erde, die an die Tür klopfen, das einstige Hungerleidervolk, die Inder. Nur kommen sie nicht als Bittsteller, sondern werden als Spezialisten umworben. Es ist genau das passiert, was Marx vorausgesagt hat: Der Kapitalismus sprengt die Fesseln der Nationalstaaten, er vergesellschaftet alles, er schafft Weltproletariat und Weltmittelstand. Die Linke aber hat sich aus der Welt immer den Konkurrenzkampf wegphantasiert. Die Rechte wünscht sich Globalisierung ohne Ausländer, die Linke wünscht sich Globalisierung ohne Konkurrenzkampf.

Schon einmal hat Deutschland Arbeitskräfte gerufen, aber unqualifizierte. Im Jahre 1964 bekam der 100 000. Gastarbeiter, der Portugiese Armando Rodrigues, am Kölner Bahnhof ein Zündapp-Moped als Willkommensgeschenk. Es war übrigens eine CDU-Regierung - Wirtschaftsminister: Ludwig Erhard -, unter der im Westen die Gastarbeiterwelle rollte, ab 1955. Der Anwerbestopp kam erst unter der SPD im Jahr 1973. Bis dahin waren 2,6 Millionen nach Deutschland gekommen, anatolische Bauern, sizilianische Landarbeiter, manche konnten nicht einmal lesen.

Die neuen Gastarbeiter werden anders sein. Ausgebildet, hochbezahlt, englischsprachig. Beweglich, wie der Kapitalismus es fordert. Sie werden sich schneller und problemloser integrieren als ihre Vorgänger. Und sie werden das Bild verändern, das die Deutschen von den Ausländern haben. Der durchschnittliche Deutsche, der nicht unbedingt im buntscheckigen Berlin wohnt, erlebt Ausländer noch immer meist als Angehörige des Proletariats, oder sogar des Subproletariats. Unter den Kindern und Enkeln der ersten Gastarbeitergeneration gibt es viele Erfolgsstories, aber wirklich multinational ist das wohlhabende, mittelständische Deutschland nur in einigen Bereichen - Gastronomie, Hochschule, Ärzte. Die sogenannte technische Intelligenz ist weitgehend deutsch geblieben, eine offenbar nicht konkurrenzfähige Monokultur, vor allem in den kleinen und mittleren Städten. Nur wenigen ist bewusst, dass es am oberen Ende der gesellschaftlichen Pyramide längst ähnlich aussieht wie ganz unten: Deutsche Traditionsmarken - AEG, Blaupunkt, Mannesmann, Opel, Nixdorf - gehören immer häufiger zu multinationalen Konzernen, Grundsatzentscheidungen werden in Japan oder den USA gefällt. Daimler und Krupp gehören zum Teil Investoren aus dem Nahen Osten. Die Bosse der Bosse und die Putzbrigaden, beides sind in Deutschland oft Ausländer.

Lief die alte CDU-Parole "Freiheit statt Sozialismus" nicht auf genau das hinaus, was jetzt passiert? Soll es Freizügigkeit der Arbeit und Marktfreiheit nur für die Deutschen geben, und nicht für den Rest der Welt? So läuft das aber nicht. Demnächst, in Gestalt der indischen Computerexperten mit Green Card, dringt die Globalisierung ein Stück weiter in das Zentrum der deutschen Gesellschaft vor. Gibt es keine Alternative? Es gibt immer eine. Staaten wie der Iran, Libyen oder Nordkorea schotten sich gegen die Weltwirtschaft ab oder werden gemieden. Für die Bevölkerung bringt das allerdings gewisse Nachteile mit sich, die Jürgen Rüttgers nicht verschweigen sollte. Für den indischen Software-Experten aus Bangalore oder aus Kalifornien dagegen bedeutet die Globalisierung eine Lebenschance, die er vor 30 oder 40 Jahren nicht bekommen hätte. Der Kapitalismus ist ein Traditionenzertrümmerer, manchmal sogar ein Killer, aber er kann auch Träume wahr werden lassen. Für ein paar Glückliche.

Globalisierung ja, Ausländer nein: diese Formel funktioniert nicht. Eine prokapitalistische Partei gegen den Weltmarkt, unmöglich. Die CDU-Eliten wissen das natürlich - nur wagen sie es nicht, ihrer heimatverbundenen, konservativen Basis diese Wahrheit zu gestehen. Die sich modernisierende CDU bekommt ein ähnliches Problem wie die Grünen: den Widerspruch zwischen Basis und Führung.

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