Politik : Glotz übt Parteienschelte

HELMUT MERSCHMANN

Sein Vorwurf: Politik investiert zu wenig in die neuen MedienHELMUT MERSCHMANNWas die Menschheit durch die "Informationsmaschine Internet" gewinnt ­ diese Frage beschäftigte am Montag abend eine Online-Konferenz bei AOL-Bertelsmann.Als Gast und Diskutant geladen war Peter Glotz, ehemaliger Medienexperte der SPD und jetziger Dekan der Universität Erfurt.Der Online-Dienst hatte jüngst ein neues Forum eingerichtet (Kennwort: InfoVision), das sich den Fragen der Informationsgesellschaft widmet.Solche Foren, von denen es bei AOL über zweihundert gibt, bieten den Mitgliedern die Gelegenheit, sich über Gott und die Welt auszutauschen.In der "InfoVision" freilich kommen "die neuen Medien und ihre Auswirkungen" zur Sprache. Schlag 21 Uhr, zur nutzerfreundlichen Stunde mit niedrigen Telekom-Gebühren, war die Online-Konferenz eröffnet.Auf der virtuellen Bühne des Chat-Raums stehen Peter Glotz und ein Moderator, der gleich mit der Tür ins Haus fällt und den Medienexperten nach seiner Einschätzung bezüglich der Vorteile des Internets befragt.Das war Wasser auf die Mühlen und die Diskussion kommt schnell in Gang.Wie schon auf anderen Veranstaltungen (www.sang.net/service/sang10/Medpol-0.htm) kann der Kommunikationswissenschaftler Glotz seine optimistische Sicht auf die schöne neue Welt der Medien kundtun. Glotz hebt das verbreiterte Informationsangebot hervor und die interaktive Diskussion, "die bisher nur durch Leserbriefe möglich" gewesen sei.Da man die "technische Entwicklung unter keinen Umständen aufhalten" könne, empfiehlt er den konstruktiven Umgang mit Medien und die Ausbildung von Medienkompetenz. Der Wissenschaftler zählt sich selbst zu den "Realisten", die weder hergebrachte gesellschaftliche Strukturen gefährdet sehen, noch übermäßiges Frohlocken für angebracht halten.Gerade in Sachen Arbeitsmarkt meldet er Bedenken an und verweist auf die ernüchternde Zahl neuer Arbeitsplätze, gemessen an den verlorengegangenen.Während bei Reisebüros und Banken massiv Stellen gestrichen würden, entstünden im Bereich Telekommunikation nur wenige neue.Auf höchsten 100 bis 150 Tausend schätzt Glotz die Zahl der Tele-Arbeitsplätze.Bei diesem Thema kommt er nicht ganz ohne Parteienschelte aus: "Alle Parteien machen zu wenig.Sie nutzen die Möglichkeit zu selten und investieren zu wenig in diese neuen Möglichkeiten". Mit solchen Gemeinplätzen wollen sich die AOL-User allerdings nicht zufrieden geben.Die mittlerweile öffentlich geführte Diskussion gibt ihnen die Gelegenheit, sich direkt am Gespräch zu beteiligen.Und beim Thema Arbeitsmarkt kochen die Gemüter über.Auf die Frage, wie denn konkrete Maßnahmen der Politik aussehen, kann Peter Glotz nicht anders als auf die "einfaltslose Fiskalpolitik der gegenwärtigen Bundesregierung" zu verweisen.Gleichzeitig räumt er aber ein, daß abzuwarten bleibe, ob sich die Opposition cleverer verhält.Deutschland sei "in diesem Feld ein Entwicklungsland verglichen mit den USA". Peter Glotz gehört sicherlich zu denjenigen, die an die Chancen der technologischen Entwicklung glauben machen wollen.Doch insgesamt zeigte sich bei der Online-Konferenz, daß allen Prognosen skeptisch begegnet wird.Ob sich tatsächlich bereits in fünf Jahren, wie von Glotz vertreten, soviel verändert hat, wird sich zeigen.Die "Kommunikationskultur in der telematischen Gesellschaft", so ein Glotzsches Schlagwort, zeichnete jedenfalls an diesem Abend ein Zerrbild.Wie die "AOL-Live-Kamera" dokumentierte, haute Peter Glotz gar nicht persönlich in die Tasten, sondern stand bequem im Sessel Rede und Antwort.

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