Politik : Götterdämmerung

CSU-Chef Stoiber ist nach dem Verlust von zehn Prozentpunkten in Bayern nicht mehr unantastbar. Er selbst sieht das ganz anders

Mirko Weber[München]

Die Grünen. Hat sich jemals öffentlich eine Hand bei der CSU gerührt, wenn von ihnen die Rede war? Am späten Wahlabend in der Münchner Hanns-Seidel-Stiftung schon, als es aus Edmund Stoibers Mund heißt, man solle mit dieser Partei im Bund mindestens in Gespräche treten. Der Parteivorsitzende muss in den an dieser Stelle starken Beifall brüsk hineinreden, um ihn zu stoppen. Kurz vor Mitternacht ist Stoiber aus Berlin eingetroffen, immer noch mit dem Pflaster am rechten Zeigefinger, das er bereits den ganzen Tag mit sich herum getragen hat – wie ein Symbol. Ein paar „Edmund“-Rufe verebben schnell. Es gibt hier nichts zu feiern, denn auch wenn es bei der CSU zunächst keiner so richtig aussprechen will: Die Union hat die Wahl nicht zuletzt in Bayern verloren, wo die CSU zur Entgeisterung der Herrschenden unter die 50 Prozentmarke gerutscht ist. Ein derart schlechtes Ergebnis hat die Partei zuletzt 1957 gehabt, und das Resultat liegt nicht nur daran, „dass die CSU verliert, wenn die Union insgesamt schwach abschneidet“, wie Stoiber argumentiert – ohne freilich sein eigenes Fehlverhalten im Wahlkampf auch nur ansatzweise zu thematisieren.

Dass Stoiber alles richtig macht, ist in der bayerischen Partei ein Mantra. Schon erstaunlich also, dass sich nächtens bereits der eine oder andere aus der Deckung wagt, zum Beispiel der bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu, der nicht müde wird, am vom Generalsekretär Markus Söder organisierten, „verfehlten Wahlkampf“ herumzunörgeln. Auch Alois Glück, vormaliger Fraktionsführer der Partei, spricht von Fehlern, die aber nicht „monokausal“ seien. Gemeint ist vor allem Stoibers zögerliche Haltung im Wahlkampf. Hätte er frühzeitig erklärt, nach Berlin gehen zu wollen, so der allgemeine Tenor, hätten die Bayern mehrheitlich gewusst, dass die Wahl der von 2002 ähnelte; damals war die CSU auf gut 58 Prozent im Freistaat gekommen, als es um ihren Mann ging. So lässt sich erkennen, dass die Zeiten des allmächtigen und sakrosankten Stoiber in Bayern wohl allmählich der Vergangenheit angehören. Er selber sieht das anders und kann auch nur schlecht verhehlen, dass es ihn innerlich freut, vor drei Jahren besser abgeschnitten zu haben als seine Nachfolgerin.

Anders als sein Innenminister Günther Beckstein, der zugibt, von den ganzen Vorgängen hinterrücks „überrascht“ worden zu sein, versucht Stoiber auch am nächsten Tag, den Souverän zu geben. Gewiss, räumt er ein, hätte dem Wahlkampf ein „Schuss mehr Emotionalität nicht geschadet“, was er jedoch keinesfalls als Kritik an sich selbst verstehen möchte. Überhaupt habe die CSU ein „sehr gutes“ Erststimmenergebnis, 55 Prozent, 44 von 45 Mandaten, letzteres entspricht ungefähr den Verhältnissen von vor drei Jahren. Kritik an Merkel? „Gab es nicht.“ Ein Bayern-Malus? Wie denn das? Stoibers Welt ist – nach außen hin – in Ordnung, sieht man von der Tatsache ab, dass nun schwierige „Sondierungs-, nicht Koalitionsgespräche“ bevorstehen. Reizthemen sind da etwa die Türkei oder die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften. Nicht zu reden von der Atompolitik, einem neuen Lieblingsthema der CSU, das im Wahlkampf fast unbemerkt geblieben ist. Verhandeln wird Merkel. „Mit mir“, sagt Stoiber, „also sie mit mir“, und betont erneut, dass er nur nach Berlin gehen werde, wenn sich gewissermaßen eine maßgeschneiderte Rolle für ihn finde.

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