Gorbatschow attackiert Obama : "Die USA sind eine große Seuche"

Zwei Friedensnobelpreisträger im Streit. Michail Gorbatschow wirft Barack Obama vor, in der Ukraine nach Vormacht zu streben. Biedert sich Gorbatschow plötzlich bei Wladimir Putin an? Nein, er meint schlicht, was er sagt. Ein Kommentar.

von
Mochten die sich wirklich? Oder waren Kuss wie Kommunismus stets nur gespielt?
Mochten die sich wirklich? Oder waren Kuss wie Kommunismus stets nur gespielt?Foto: dpa

Da ist er wieder, pünktlich zum doppelten Jahrestag (Einheit und Mauerfall), Michail Gorbatschow. „Es gibt heute eine große Seuche - und das sind die USA und ihr Führungsanspruch“, sagte der Ex-Kremlchef und Friedensnobelpreisträger dieser Tage in einem Radiointerview. Er reagierte damit auf eine Rede des ebenfalls mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten US-Präsidenten Barack Obama, der Russland vor den Vereinten Nationen als Gefahr angeprangert hatte - in einem Satz mit der Seuche Ebola und dem Terrorismus.

Allerdings wirft der in Deutschland verehrte Russe – „Gorbi, Gorbi, Gorbi“ - den USA erstmals auch vor, was sonst eigentlich Kremllinie ist: Sie benutzten die Ukraine und andere Länder nur als Vorwand, um weiter nach Vormacht zu streben. Es gebe „Anzeichen“ für einen neuen Kalten Krieg. „Die Welt steht am Abgrund eines großen Unglücks.“

„Wir sind eine starke Nation“

Kann ein derartig wortgleiches Einschwenken auf die offizielle russische Politik überraschen? Seit Beginn des Ukraine-Konflikts hat Gorbatschow die ideologische Nähe zu Kremlchef Wladimir Putin gesucht. So begrüßte er den international als Völkerrechtsbruch kritisierten Anschluss der Schwarzmeerhalbinsel Krim an Russland, den Putin mit der Deutschen Einheit verglich. „Wir sind eine starke Nation“, sagt Gorbatschow, „und wir haben was zu sagen.“

Gorbatschow, der „Totengräber der Sowjetunion“, wie der 83-Jährige in seiner Heimat gern und oft gescholten wird, meint, was er sagt. Mit Anbiederung an Putin, der Sehnsucht danach, wieder „salonfähig“ zu werden, haben seine Äußerungen wenig zu tun. Weder wollte er vor 25 Jahren dem Westen, noch will er heute den Putinisten gefallen. Und vielleicht beruht sein ungebrochen positives Image in Deutschland ja auch zu großen Teilen auf einem Missverständnis.

Verdrängt wird wegen Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) zumeist, dass mit Gorbatschow damals ein lupenreiner Apparatschik an die Macht gekommen war. Schon mit 25 Jahren hatte er zur Nomenklatura gehört, war maßgeblich gefördert worden von den Politbüro-Mentoren Suslow und Andropow (Ex-Geheimdienstchef). Das oberste Ziel der sowjetischen Politik war allein die Rettung der UdSSR vor dem ökonomischen Ruin.

Plötzlich stand das System nackt da - pleite, entwicklungsunfähig, entzaubert

Nato-Nachrüstung plus SDI (Ronald Reagans Strategische Verteidigungsinitiative) hatten Moskau in die Defensive gebracht. Mehr als ein Viertel des Bruttosozialproduktes flossen in die Rüstung, seit 1982 stagnierten Wachstum und Pro-Kopf-Einkommen, der Einmarsch in Afghanistan entwickelte sich zum Fiasko, Gobatschows eigener Außenminister, Eduard Schewardnadse, gab später zu, die Sowjetunion sei tatsächlich totgerüstet worden.

Hinzu kam der ideologische Kollaps. Pershing II und Cruise Missiles zementierten und perpetuierten die Rivalität zweier antagonistischer Blöcke. Doch die Perspektive seiner weltweiten Ausbreitung gehört zum Kommunismus wie das Privateigentum zum Kapitalismus. Ohne Erlösungshoffnung war der Ideologie jenes legitimatorische Moment genommen, das alle Entbehrungen und Strapazen rechtfertigen sollte. Plötzlich stand das System nackt da - pleite, entwicklungsunfähig, entzaubert.

Vor diesem Hintergrund kam Gorbatschow an die Macht. Er sollte retten, was nicht mehr zu retten war. Ein Getriebener, kein Treiber. Zu seiner Tragik gehört, auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs in seinen gestalterischen Möglichkeiten maßlos überschätzt worden zu sein. In Russland erklärten sie ihn daher zum „Totengräber“, in Deutschland zum „Vater der Einheit“. Beides ist falsch. Gorbatschow war, um es mit Hegel zu sagen, eine Art „Handlanger des Weltgeistes“. Überzeugende Alternativen hatte er nicht.

 

Autor

117 Kommentare

Neuester Kommentar