Politik : "Gott, das war nicht abgemacht"

Barbara-Maria Vahl

Johannes und Lukas, dreieinhalb und fünfeinhalb Jahre alt und ein einwöchiges Baby werden erst viel später begreifen, was ihnen angetan wurde, als am 11. September ihre Väter unter den Trümmern des World Trade Centers gewaltsam sterben mussten. Sie waren die jüngsten Angehörigen deutscher Opfer, die am Sonntag in der Lutherischen St. Pauls-Kirche in New York zur Trauerfeier zusammenkamen. Sie sind drei von um die 5000 Kindern aus 60 Nationen, die an diesem Tag zu Waisen wurden.

Zum Thema Online Spezial: Terror und die Folgen Exakt zwei Monate nach dem Anschlag fand der offizielle Gedenkgottesdienst für die zwölf deutschen Opfer in New York statt. Auch Bundespräsident Johannes Rau, seine Frau Christina und Außenminister Joschka Fischer nahmen daran teil und trafen im Anschluss mit den Angehörigen zu einem ungestörten persönlichen Gespräch zusammen. Wenn man sich die Frage stellte, was die Angehörigen wohl am meisten bewegt haben könnte, wo sie sich am persönlichsten angesprochen gefühlt haben mögen, dann sind es vielleicht einzelne Verse aus Gebeten, Psalmen, Liedern gewesen. Etwa der Satz, den Gemeindepfarrer Sönke Schmidt-Lange in seinem Eingangsgebet formulierte: "Wir kommen nicht mehr klar, wenn Schlimmes uns trifft, hilf uns in guten und in bösen Tagen, bei Dir zuhause zu sein, damit wir frei werden zum Leben", oder der Liedvers: "Ach bleib mit deiner Gnade bei uns Herr Jesus Christ - dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List".

Wenige direkte Worte des Trostes fanden sich in der Predigt, die die Sehnsucht nach Frieden formulierte und die Frage nach künftigen Handlungsmöglichkeiten stellte. "In diesen Wochen der extremen Spannung zwischen Ohnmacht und dem Versuch, Macht wiederherzustellen, beten wir zu Gott, dass wir grössere Klarheit darüber bekommen, was zu tun und zu lassen ist. Wir denken mit allen, die politische Verantwortung tragen, darüber nach, wie denn nun Schuldige zu bestrafen und wie Unschuldige zu beschützen sind", sagte Bischof Rolf Koppe aus dem Kirchenamt der EKD in Hannover. Und: "Wir fragen heute, wie Geist, Logik und Praxis von Gewalt überwunden werden kann angesichts der Anonymität von Terroristen." Er hob das gute nachbarschaftliche Zusammenleben der Menschen vieler Religionen in New York als gutes Beispiel hervor und plädierte für eine Stärkung der Vereinten Nationen. Als sehr gut, angemessen, "würdig" empfanden Mitglieder der Deutschen Gemeinde seine Predigt. Sie sei jedoch womöglich nicht in die Herzen gegangen, kritisierten andere.

Das tat die sich anschließende, auf englisch gehaltene Ansprache des Hausherrn Schmidt-Lange schon eher. Schmidt-Lange, auch er aus der Hannoverschen Landeskirche, aber seit vielen Jahren Pastor in New York, einer, der frei sprechend glühende Predigten zu halten vermag, der auch Unbequemes sagt, er stellte die Frage: "Wie, Gott, konntest du uns so etwas antun?, das war nicht Teil unserer Abmachung, wie sollen wir nun weiter an Dich glauben?!" Dass die Hierarchieoberen an solchen Tagen einfliegen und das erste Wort erhalten, ist vielleicht berechtigte Sitte. Womöglich hätte bewegendere Worte gegeben, hätte der Gemeindepfarrer die Hauptansprache in deutscher Sprache gehalten. Er war es, der in den schrecklichen Tagen und Wochen nach dem 11. September seine Türen weit geöffnet hat, der schockierte Menschen tröstete.

Warme, kluge, menschliche Worte fand nach Abschluss des Gottesdienstes vor dem Kirchenportal Bundespräsident Rau, der am Dienstag in New York den Leo-Baeck-Preis verliehen bekommt, und im Gottesdienst selber keine eigene Ansprache hielt. Er sagte, dass dieser Anschlag die Verletzlichkeit unseres Lebens deutlich mache - "wir haben noch nicht ausgelernt, und ich hoffe, dass aus dieser Verletzlichkeit Sensibilität und Solidarität entsteht, und dazu können die Kirchen einen Beitrag leisten." Nicht irgendeine Religion bedroht unseren Frieden, mahnte er: "Es ist der Fundamentalismus, der der Gegner des Glaubens ist und nicht sein Fundament."

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