• Green Card: Der Indonesier Harianto Wijaya erhält als erster die Arbeitserlaubnis - Heute startet das Programm offiziell

Politik : Green Card: Der Indonesier Harianto Wijaya erhält als erster die Arbeitserlaubnis - Heute startet das Programm offiziell

Der erste "Computer-Inder" ist ein Indonesier mit deutscher Ausbildung: Harianto Wijaya, 25 Jahre alt und Diplom-Informatiker mit der Traumnote 1,0 lächelt schüchtern, als Arbeitsminister Walter Riester (SPD) ihm strahlend eine Green Card überreicht. Das graue Formblatt mit einem Stempel der Bundesregierung bedeutet für Wijaya eine fünfjährige Arbeitserlaubnis und soll laut Riester "die Tür aufstoßen" für Computerfachleute aus aller Welt. Bisher haben sich mehr als 18 000 ausländische Computer-Spezialisten nach der Green Card erkundigt, darunter Tausende aus Indien und Pakistan. 5486 haben sich bisher über das Internet um eine Stelle beworben.

Vermutungen, dass durch die rechtsradikalen Anschläge der vergangenen Wochen weitere Bewerber abgeschreckt werden könnten, weist Riester bei der Übergabe in Nürnberg genauso zurück wie Umfragen, nach denen das Interesse der Wirtschaft an der Green Card geringer ist als angenommen. "Ich fühle mich total glücklich", wiederholt Wijaya mit der Green Card in der Hand gleich mehrfach, und auch Riester spricht von einem "wunderschönen Tag für ganz Deutschland". Bis zu 70.000 neue Arbeitsplätze sollen in diesem Jahr in der Computerbranche neu entstehen, maximal 20.000 davon dürfen mittels der Green Card mit Ausländern besetzt werden.

Riester und der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, äußerten in Nürnberg die Erwartung, dass die Vergabe von Green Cards zu weiteren Einstellungen auch inländischer Arbeitskräfte führe. Sie zeigten sich überzeugt, dass auch die heimischen Qualifizierungsanstrengungen an Universitäten, in der Wirtschaft und in den Programmen der Bundesanstalt für Arbeit diesen Trend stützen würden. Jagoda setzt durch die Initiatve auf eine Art Domino-Effekt. "Wenn bei uns ein Unternehmen einen Antrag stellt, fragen wir, ob er auch eine Sekretärin oder anderes Personal benötigt." Wieviele Unternehmen bisher tatsächlich Green Cards beantragt haben, konnte Jagoda am Montag nicht sagen. Auch ist offen, wann der erste IT-Spezialist aus dem Ausland einreist. "Ich gehe aber davon aus, dass am Dienstag dafür die erste Erlaubnis erteilt wird", sagt Jagoda.

Die aus Pakistan, Indien, Bulgarien oder Russland einreisenden Bewerber würden dann die ersten "vollwertigen" Green Cards erhalten. Im Gegensatz zu ihnen benötigte Wijaya nur eine Arbeitserlaubnis für die freie Wirtschaft, aber keine Aufenthaltserlaubnis. Nach seinem Abschluss an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hocschule in Aachen (RWTH) hatte Wijaya bereits eine Promotionsstelle in der Tasche und hätte auch so in Deutschland bleiben dürfen. Dass sein Arbeitgeber, das Mobilfunkunternehmen AixCom, dennoch die Green Card beantragte, hatte nur einen Grund: "Jetzt kann er parallel zur Doktorarbeit richtiges Geld verdienen", sagt AixCom-Geschäftsführer Martin Steppler. "Rund 100.000 Mark" werde sein neuer Angestellter pro Jahr bekommen.

Wijaya hatte von 1995 bis 1999 in Aachen Informatik studiert. In Deutschland hält er sich seit 1993 auf. Bei seiner Entscheidung für das Informatik-Studium habe der "Spaß am Programmieren" den Ausschlag gegeben, berichtet er. Bei der Wahl seines Studienschwerpunkte fiel die Wahl nicht allzu schwer. Wijaya entschied sich für die drahtlose Telekommunikation. "Das ist eine Boom-Branche."

Seine Kenntnisse rundete Wijaya am Lehrstuhl für Kommunikationsnetze der Hochschule ab - jenem TH-Bereich, aus dem sich Ende 1997 die Firma seines heutigen Arbeitgebers gründete. Das Unternehmen soll dabei zur Marktreife entwickeln, was vorher an dem Lehrstuhl theoretisch erarbeitet worden war: Software-Werkzeuge zur Leistungsbewertung zukünftiger drahtloser Telekommunikationsnetze, wie etwa dem UMTS-Standard. Das war es denn auch, was den jungen alleinstehenden Indonesier an einer Beschäftigung bei AixCom reizte: "Endlich mal die platte Theorie in der Praxis umzusetzen.

Dass er nach Abschluss seiner Promotion vermutlich doch das Land verlassen muss, bedauert Wijaya nicht nur wegen der Verdienstmöglichkeiten. "Rund vierzig Freunde" habe er mittlerweile in Deutschland, sagt der Indonesier und betont, wie wohl er sich fühlt. Daran hätten auch die rechtsextremen Gewalttaten der vergangenen Wochen nichts geändert. Auch Riester und Jagoda wollen von einer negativen Wirkung des Brandanschlags auf ein Asylbewerberheim in Ludwigshafen oder des Mordes an einem Schwarzafrikaner in Dessau nichts wissen. "Der Wirtschaftsstandort ist nicht gefährdet", sagt Riester und Jagoda ergänzt: "Wir müssen mehr das Gute und Weltoffene in Deutschland darstellen."

Auch eine laut Umfragen bisher eher schleppende Nachfrage von seiten der Unternehmen nach den ausländischen Fachkräften will Riester nicht auf die Goldwaage legen und warnt vor vorschnellen Urteilen. "Erst in etwa einem Jahr" könne er sagen, wie die Initiative zu bewerten sei. Zu den Forderungen, die Green Card auf andere Branchen auszuweiten, hält sich der Arbeitsminister ebenfalls zurück. "Über andere Branchen sprechen wir, wenn wir erste Erfahrungen gemacht haben."

Für Wijaya ist dies wohl ein Wermutstropfen. Denn in Aachen leben inzwischen auch seine Geschwister: Sein Bruder Rudi studiert Maschinenbau, seine Schwester Fenny Betriebswirtschaft. Ohne eine Ausweitung der Green Card werden beide nach Ende ihres Studiums wohl die die Koffer packen und Deutschland wieder verlassen müssen.

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