Politik : Green Card: Die Inder warten nicht auf uns

Gerhard Braun

Am Montag hat ein Indonesier als erster Ausländer die Green Card erhalten. Das war ein Medienereignis, ist der Indonesier doch einer jener 20 000 erhofften Computerspezialisten, die den Deutschen auf die Sprünge helfen sollen, um dem akuten Mangel an IT-Fachleuten abzuhelfen. Dabei hatten die Deutschen mit dem Einser-Absolventen der Technischen Universität Aachen noch Glück, denn Harianto Wijaya brauchte nicht erst aus Asien ins Land geholt zu werden - er wollte nur nach seinem Erfolgsstudium in Aachen einen passenden Arbeitsplatz in der Bundesrepublik finden. In anderen Fällen wird es nicht so einfach sein, Computerspezialisten aus fernen Ländern zu holen.

Die deutsche Wirtschaft hatte noch vor wenigen Jahren signalisiert, dass ein weiterer Bedarf für Informatiker nicht mehr gegeben sei. Die Politiker verlangten von den Universitäten entsprechend einen Abbau der Studienplätze in der Informatik. In den USA oder der Schweiz wurden dagegen Stimmen nach einem erhöhten Bedarf laut. Während die USA längst Strategien in der Bedarfsfrage (Sondervisa) entwickelt hatten, wurde in der Schweizer Regierung gemutmaßt, dass die hohe Nachfrage der Wirtschaft nach Informatikern ausschließlich dazu dienen solle, den derzeit hohen Preis für Informatiker umgehen zu können.

Wie so häufig sollen die Kosten von der betrieblichen auf die öffentliche Seite verlagert werden. Dabei helfen Mediendruck und Lobbyismus. Während den Universitäten die Versäumnisse angelastet werden, zieht die Karawane wirtschaftlicher Interessen weiter - demnächst wird die Green Card für Chemiker, Physiker, Bilogen und Ingenieure gefordert.

In diesem fast zyklisch auftretenden Verhalten verbergen sich erhebliche Missverständnisse: die Kurzatmigkeit von Politik und die Kurzzyklik der Wirtschaft oder die Ignoranz über Prozesse in einer Nahezu-Nur-Spaß-Gesellschaft. Die heutige Wertschöpfung entsteht nach dem "1. Transformationsgesetz des Cyberspace", das die Umwandlung von Geld in Wissen und in Folge davon von Wissen in Geld beschreibt. Das traditionelle Produkt kommt dabei nicht mehr originär vor.

1. Ein erstes grundlegendes Missverständnis liegt in einer Kette von Verstrickungen aus Ignoranz, Dümmlichkeit und Fehleinschätzung. Man will gleichsam im Hauruckverfahren mit einer einmaligen Intervention sich eines komplexen Problems entledigen, nämlich der Notwendigkeit nach stets wachsenden Bildungs- und Weiterbildungsanforderungen. Die Kosten hierfür erscheinen in allen kurzsichtigen Politiken als entbehrlich. Dies geschieht gleichermaßen in Hochkonsum- wie in Rezessionsphasen. Hieraus zwangsläufig entstehende Defizite können anfangs noch mit Direktinvestitionen oder Subventionen finanziell ausgeglichen werden, später aber bleibt die Schere zwischen globaler Entwicklung und dem nationalen Entwicklungspfad offen. Die propagierte Green Card kann nur als ein solches Hauruckverfahren verstanden werden.

Vergleich USA und Deutschland

Die Green Card der USA ist grundsätzlich auf Einwanderung und Integration der Zuwandernden ausgerichtet. Diese begehrte Karte kann auch derjenige erreichen, der über ein Studium in den USA und anschließende Berufstätigkeit in Wirtschaftssektoren mit hoher Nachfrage tätig ist. Während die Green Card in Deutschland mit einer eher willkürlichen Festlegung auf 20.000 ausländische IT-Kräfte auf fünf Jahre fixiert ist, zielt die Blue Card in Bayern auf den aktuellen Arbeitsmarktbedarf und damit auf einen Aufenthalt per Visum, der so lange dauert wie der Arbeitsvertrag es vorsieht. Mit beiden Einstellungen soll die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer von ca. 7,8 Millionen Menschen kontrolliert werden.

1.Es gilt folgende Tatsache zu beachten: Weltweit sind ein erheblicher Anteil der ITExperten Inder - die Quellen schwanken zwischen 30 und 41 Prozent. Aufgrund strenger Auswahl und elitärer Ausbildungskonzepte ist Indien ein Land mit erheblichem intellektuellen Potenzial geworden. Diese Tatsachen werden kaum zu einer Einstellungsveränderung unter den Deutschen beitragen, die in Indien nach wie vor ein Land mit hoher Analphabetenrate sehen.

2. Ein Missverständnis liegt darin, dass in Indien keineswegs die benötigten Experten abrufbereit auf einen zeitlich begrenzten Arbeitsplatz in Deutschland warten. In Indien beträgt die Chance auf gute Bildung im IT-Bereich auf einen der 2000 Studienplätze am Indian Institute of Technology etwa 1 zu 125 000. Dies bedeutet, dass die über viele Auswahlstufen qualifizierten, oft aus den oberen Kasten des Landes kommenden Absolventen keineswegs für "Klempnerarbeiten" in anderen Ländern zur Verfügung stehen wollen. Es geht nicht primär darum, welches Image Inder in Deutschland haben, bedeutsamer ist, welches Image Deutschland in Indien hat. Absolventen der ITSchmieden Madras, Bangalore und Hyderabad sind attraktiv für die Eliteuniversitäten in den USA. Dort erhalten sie die Erfahrungen und den Schliff für den Markt, den andere Universitäten und Wirtschaftsräume offensichtlich nicht vermitteln können.

80 Prozent aller indischen Eliteabsolventen entschließen sich für einen Umweg über die USA. Indische Computerexperten scheinen in der Tat großen Wert auf familiäre Bande und ethnische Netzwerke zu legen und kehren häufig nach wenigen Jahren in ihr Land zurück, da dann ihre Chancen, in Indien Führungsrollen zu übernehmen oder selbst Firmengründer zu werden, erheblich steigen. Andererseits locken in den USA neben hohen Gehältern vor allem sehr niedrige Schwellen für die Gründung eigener Firmen. Die Sprachbarriere ist für Inder in den USA gering. Dort gibt es bereits Netzwerke, die für Neuankömmlinge offen sind. Venture-Capital wird unkompliziert verteilt. 40 Prozent der in den letzten Jahren gegründeten Unternehmen im Silicon Valley werden von Indern geleitet; die Hälfte der Millionäre sind dort Inder oder Chinesen.

Deutschland hat aus dieser Sicht ein unattraktives Image. Es fehlen die Netzwerke, Möglichkeiten zur Firmengründung, Risikokapital und es bestehen erhebliche sprachliche und kulturelle Barrieren. Wenn schon der Hauptgrund für die Auswanderung bzw. den Umweg indischer Experten in die USA in administrativen Hemmnissen für Unternehmer und das Fehlen von Risikokapital in Indien selbst liegt, warum sollen Inder dann nach Deutschland kommen, wo die Verhältnisse ähnlich sind?

3. Ein weiteres Missverständnis liegt in der Informationstechnologie wohl selbst begründet. Da Abwerbung bzw. Auswanderung auch von Indern nicht die umfassende Lösung darstellt, werden wachsende Software- und IT-Dienstleistungsanteile durch Software-Töchter europäischer oder amerikanischer Unternehmen in Indien direkt abgewickelt. Die Lage Indiens hat sich entscheidend geändert, da das Land, zeitlich gesehen, mit jeweils vier Flugstunden Abstand in der Mitte zwischen Europa, Australien und Japan liegt und andererseits einen halben Tag von den USA entfernt ist.

Entsprechend ist der Entwicklungsboom von Offshore-Industrien in Indien. 70 Prozent der indischen Digitalware wandern in die USA, 20 Prozent nach Europa. Diese Märkte haben eine jährliche Wachstumsrate von fast 50 Prozent. Trotz hoher Löhne in Indien für IT-Experten (bis 10.000 DM für Anfänger) sind die Produkte vom Marktwert her gering. Die Mehrzahl der Computeranimationen für die amerikanische Filmbranche wird daher in Indien erstellt. Diese Entwicklung, die der brain-drain noch verschärft, bedeutet aber auch, dass der indische Binnenbedarf von 140.000 IT-Absolventen (bei 75 000 jährlichen Absolventen) bereits heute kaum mehr gedeckt werden kann. Wie kann sich da Deutschland Hoffnung machen?

Eine Entwicklung wird verschlafen

4. Während man den Spitzenbedarf in Qualifikationen durchaus durch Arbeitsverträge mit dem Ausland decken kann, beruht das Brutto-Inlandsprodukt weitgehend auf der Bereitstellung des Grundbedarfs. IT ist keine nur isoliert in einzelnen Produkten einzusetzende Technologie, sie ist eine Technologie, die von der betrieblichen Struktur bis zum Produktprozess alles verändern kann. Dieser Herausforderung ist unser Bildungssystem nicht gewachsen. Technikfeindlichkeit und die lange Zeit verpönte Bildungselite haben aus einer differenzierten eine selbstgefällige Gesellschaft werden lassen, die neben einer wirtschaftlichen und technischen auch eine soziale und kulturelle Entwicklung zu verschlafen droht.

Geht man davon aus, dass weltweit mehr vernetzte Computer existieren und jährlich mehr Chips produziert werden, als Menschen auf der Erde leben, und bedenkt man weiter, dass nahezu 80 Prozent aller Chips nur in der Unterhaltungselektronik eingesetzt werden, so zeigt das, dass zahlreiche Gesellschaften zwar die Errungenschaften der Computerindustrie nutzen, aber von den Entwicklungen relativ wenig verstehen. Illiteracy schließt heute neben fehlenden Kenntnissen im Lesen und Schreiben auch solche in Informatik, Mathematik und Sprachen ein. In Elternhäusern, in denen man sich der Abstinenz in naturwissenschaftlichen Kenntnissen rühmt, in Schulen, in denen Sprachen und Mathematik nicht den Schwerpunkt der Ausbildung darstellen und nahezu beliebig nach dem Prinzip des geringsten Widerstandes ausgetauscht werden können, in Universitäten, in denen Massen zu Abschlüssen geführt werden müssen und von denen gleichzeitig "just in time" die jeweils richtigen Absolventen abgeliefert werden sollen - in solchen Gesellschaften fehlen für eine Aufbruchstimmung notwendige Eigenschaften wie Ehrgeiz, Disziplin, Verantwortlichkeit.

Eine Aufbruchstimmung kann nicht durch Geld allein initiiert werden. So sind die 100 Millionen Mark Soforthilfe für die Informatik, die Bundeskanzler Schröder versprochen hat, nichts mehr als eine nette Geste. Sie lösen auf keinen Fall das genannte Problem, in kurzer Zeit hinreichend viele Experten mit niedrigen Lohnansprüchen und langer Erfahrung zur Verfügung zu stellen.

Die Geste Schröders stellt sich für die Universitäten so dar: Das Land Berlin erhält von dem Betrag aufgrund der Länderproporzes knapp drei Millionen DM, auf fünf Jahre verteilt. Teilt man diese Summe durch die Anzahl der Institutionen mit Informatikausbildung, so erhält letztlich jede der Berliner Universitäten bzw. Fachhochschulen Mittel für einen wissenschaftlichen Mitarbeiter, der im Jahr zwei Kurse lehrt. Nicht minder kläglich ist die Einstellung der nach Experten rufenden Wirtschaft. Hier paart sich der globale Wunsch nach Deregulierung mit dem Schrei nach dem Staat, wenn aufgrund eigener Fehler oder zu geringer frühzeitiger Reinvestitionen Rezessionen nicht überwunden werden können.

Volkswirtschaft und Politik müßten erkennen, dass zeitliche Vorsprünge vor allem von Bildung und Entwicklung abhängen. Was ist zu tun? An erster Stelle muss die Förderung von Wissen durch Bildung und Forschung stehen. Schnelle Lösungen gibt es nicht.

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