Gregor Gysi im Interview : „Als Häuptling bin ich nicht einsam“

Linken-Fraktionschef Gregor Gysi über die falschen Freunde von Peer Steinbrück, die Chancen auf Rot-Rot-Grün im Bund – und Sahra Wagenknechts übertriebene Liebe für Ludwig Erhard.

Am kommenden Mittwoche feiert Gysi seinen 65. Geburtstag.
Am kommenden Mittwoche feiert Gysi seinen 65. Geburtstag.Foto: dpa

Herr Gysi, sind Sie ein Polit-Junkie?
Man muss mit Selbstbeurteilungen vorsichtig sein. Aber ich habe mich immer bemüht, beruflich nicht nur Politik zu machen. Ich bin zu 90 Prozent Politiker, zu sechs Prozent Anwalt, zu vier Prozent Publizist und Moderator. Das ist mir wichtig. Jeder Politiker sollte sich auch nebenher mit etwas beschäftigen, das ganz anders ist. Sonst glaubt er eines Tages, dass die Drucksachen des Bundestages das Leben widerspiegeln. Und irgendwann sieht man aus wie eine Drucksache.

Sie werden kommende Woche 65. Warum halten Sie sich nicht an das von Ihrer Partei geforderte Renteneintrittsalter?
Politik, das hat schon Konrad Adenauer bewiesen, kann man auch im hohen Alter machen. Aber, versprochen: Ich warte nicht so lange, bis ich im Bundestag nur noch rumdödele und sich alle über mich lustig machen. Ich weiß, wann ich aufhören muss.

Wann denn?
Das verrate ich Ihnen jetzt nicht. Ich habe eine gewisse Relevanz für die Partei und auch einen Bekanntheitsfaktor, der ihr hilft. Gleichzeitig darf man sich nicht zu wichtig nehmen.

Ihr Parteivorsitzender Bernd Riexinger meint, die Zeit einsamer Häuptlinge sei vorbei. Hat Sie dieser Vergleich gekränkt?
Nein, er hat völlig recht, ich bin doch nicht einsam.

Also doch ein Wahlkampf-Team und kein Solo-Kandidat Gysi?
Wir werden unsere Pläne am Tag nach der Niedersachsen-Wahl vorstellen. Es wird eine einvernehmliche Lösung geben, die ich akzeptiere und auch so will. Mehr werden Sie von mir bis dahin nicht hören.

Reden wir also über die SPD. Wie wäre es mit dem linken Wahlslogan „Steinbrück muss weg“?
Steinbrück ist ein Problem für die SPD und für sich selbst. Er verkehrt in den falschen Kreisen. Vor Managern und Sparkassendirektoren kann er leicht sagen, dass ein Bundeskanzler zu wenig verdient. Aber wie klingt das in den Ohren von Hartz-IV-Empfängern, Arbeitnehmern und kleinen Selbstständigen? Der Mann hat zu den Menschen, die er als Sozialdemokrat ansprechen müsste, wenig Beziehung.

Auch die Linkspartei profitiert von den Fehltritten des SPD-Kandidaten.
So kalkuliere ich nicht. Die SPD hat sich mit Steinbrück klar für den Agenda-Kurs Gerhard Schröders entschieden. Beim nächsten Mal wird sie sich das nicht mehr leisten können.

Warum?
Sie verliert damit ihren Daseinszweck. Die SPD will jetzt nur ihre alte falsche Politik mit ein paar neuen Gesichtern fortsetzen. Doch die gesellschaftliche Atmosphäre, die einen echten Politikwechsel erzwingt, wird schon noch kommen. Im Moment lesen die Leute nur von der Krise, sie ist noch nicht in ihrem Wohnzimmer.

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Es muss den Leuten also schlechter gehen, damit sie links wählen?
Im Gegenteil. Ich fände es wunderbar, wenn wir überflüssig werden, weil es den Leuten so gut geht. Nach der Bundestagswahl wird es aber einen neuen Schuldenschnitt geben. Der kostet dann richtig Geld.

Steinbrück ist unbeliebter als Guido Westerwelle. Macht Sie das schadenfroh?
(prustet in sein Teeglas) Das dürfen Sie mich doch nicht fragen, wenn ich gerade trinke! Nein, es ist bedauerlich, dass die SPD im Wahlkampf so viele Fehler macht. Aber auch politisch hat diese Partei unter Schröder Verheerendes eingeleitet und bis heute nicht wirklich korrigiert. Denken Sie nur an den Spitzensteuersatz, der zu Zeiten von Helmut Kohl deutlich höher war als heute. Es gab damals auch weit weniger befristete Arbeitsverhältnisse. Jetzt kann Frau Merkel immer sagen: Ich habe das ja nicht eingeführt. Und ich sage: aber auch nicht abgeschafft.

Die Linke spekuliert auf eine rot-rot-grüne Regierung nach der Bundestagswahl. Glauben Sie, dass darüber bald in der SPD diskutiert wird?
Vielleicht gibt es solche Diskussionen ja schon bald in Niedersachsen – wenn es dort für Rot-Grün nicht reicht, weil es die FDP doch noch in den Landtag schafft. Dann kommt es auf die Linke an. Ich hoffe, dass wir mit diesem Argument in der letzten Woche vor der Wahl auch noch taktische Wähler überzeugen können. Für den Bund gilt: Wenn alles auf eine große Koalition hinausläuft, wird sich die SPD der Frage nach einem Linksbündnis nicht mehr lange entziehen können. Und wir übrigens auch nicht.

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Unser Problem ist: Wir vertreten Schichten der Bevölkerung, die nicht so gerne wählen gehen. Wenn wir uns für Obdachlose einsetzen, bringt uns das nicht deren Stimmen. Ich appelliere auch an die Solidarität der Mittelschicht. Ich bin ja selber ein Besserverdienender, aber nicht gerne von Armut umgeben.

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