Politik : Grenzfall Kurden

Die türkische Armee will PKK-Kämpfer im Irak verfolgen – ein heikles Thema für den Rice-Besuch in Ankara

Thomas Seibert[Istanbul]

Sie ist 330 Kilometer lang, über weite Teile sehr gebirgig und kaum zu überwachen: Die Grenze zwischen der Türkei und dem Irak bietet den Kurdenrebellen von der PKK viele Möglichkeiten, ihre Kämpfer nach Anschlägen und Angriffen in der Türkei auf irakischen Boden zurückzuziehen, wo sich ihr Hauptquartier befindet. Deshalb hat die türkische Armee jetzt klargestellt, dass sie bei ihrer neuen Offensive gegen die PKK die Grenze nach Irak überschreiten wird, wenn sie es für nötig hält. Die iranischen Streitkräfte erhöhen ebenfalls den militärischen Druck auf PKK-Anhänger im Irak. In Bagdad protestierte Präsident Dschalal Talabani bereits gegen die Aktionen der Nachbarn – ein heikles Thema für den Besuch von US-Außenministerin Condoleezza Rice, die am Mittwoch in Ankara erwartet wird.

Mehr als hunderttausend türkische Soldaten greifen seit der vergangenen Woche in Südostanatolien die PKK an. Jedes Jahr nach der Schneeschmelze startet die Armee bewaffnete Vorstöße, um PKK- Guerrillas aus der Türkei zu vertreiben. Diesmal hat die Frühjahrsoffensive jedoch eine viel größere Dimension. Türkische Zeitungen berichten, die Einheiten könnten sich bei der Verfolgung von PKK-Trupps erstmals auf Daten von US- Spionageflugzeugen stützen. Mehr als 30 PKK-Kämpfer sollen bereits getötet worden sein. Rice hatte kürzlich eine enge nachrichtendienstliche Zusammenarbeit zwischen den USA und der Türkei bestätigt. Weiter erhöht wird der Druck auf die PKK durch ein offenbar abgestimmtes Vorgehen von Türkei, Iran und Syrien.

Der türkische Armeechef Hilmi Özkök drohte ganz offen damit, dass seine Soldaten fliehende PKK-Mitglieder auch in den Irak hinein verfolgen könnten. Anders als mit einem geplanten Einmarsch nach Irak sei der gewaltige Truppenaufmarsch der Türken an der Grenze nicht zu erklären, hieß es bei der PKK.

Für die USA ist es einerseits von größter Bedeutung, dass der Norden des Iraks nicht durch eine Truppenintervention von außen destabilisiert wird. Andererseits wollen die Amerikaner aber nicht selbst gegen die PKK im Irak vorgehen, weil ihre Truppen in anderen Landesteilen dringender gebraucht werden. Mit der Weitergabe von Spionagematerial zur PKK an Ankara wollen die USA deshalb einen türkischen Einmarsch nach Irak noch abbiegen. Zudem wollen die USA mehr als bisher unternehmen, um die Geldquellen der PKK trocken zu legen. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wird am Dienstag in Ankara versuchen, Rice möglichst konkrete Zusagen abzuringen.

Auch andere Probleme werden zur Sprache kommen. So dringen die USA im Streit um das iranische Atomprogramm auf türkische Unterstützung bei möglichen Militäraktionen gegen Teheran. Die Türkei setzt dagegen auf eine diplomatische Lösung und hat mehrmals erklärt, sie wolle keinen weiteren Krieg in der Region. Seinerseits wird Erdogan erklären müssen, warum seine Regierung im Nahostkonflikt aus der Anti-Hamas-Front des Westens ausgeschert ist und eine hochrangige Delegation der militanten Palästinensergruppe empfangen hat.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar