Grenzkonflikt : Blutiger Streit um Hindutempel

Nach Kämpfen an der Grenze zu Thailand fordert Kambodscha Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats. Im Zentrum der Auseinandersetzungen steht ein Khmer-Hindutempel, der unmittelbar auf der Grenze zwischen den beiden Staaten liegt.

Sascha Zastiral
Umstrittenes Terrain. Ein kambodschanischer Soldat hält vor dem Preah-Vihear-Tempel Wache.
Umstrittenes Terrain. Ein kambodschanischer Soldat hält vor dem Preah-Vihear-Tempel Wache.Foto: Tang Chhin Sothy/AFP

Nach tagelangen Kämpfen an der Grenze zwischen Thailand und Kambodscha hat Kambodschas Premierminister Hun Sen am Montag um die Einrichtung einer UN-Pufferzone in einem umstrittenen Gebiet ersucht. „Wir möchten, dass die Vereinten Nationen Truppen hierher entsenden und eine Pufferzone einrichten, damit es keine Kämpfe mehr gibt“, sagte Hun Sen in Phnom Penh. Zugleich erklärte er, Kambodscha habe aufgrund der „wiederholten Aggressionen“ gegen sein Land um eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates ersucht.

Auf thailändischer Seite hieß es, man habe einen Brief an den UN-Sicherheitsrat entsandt, um gegen die „wiederholten und grundlosen bewaffneten Angriffe durch kambodschanische Truppen“ zu protestieren. Eine internationale Vermittlung in dem Konflikt, wie sie unlängst auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon vorgeschlagen hat, lehnt Bangkok jedoch weiterhin vehement ab. Die Vereinten Nationen haben beide Seiten dazu aufgerufen, in den laufenden Auseinandersetzungen „maximale Zurückhaltung“ zu üben.

Seit Freitag liefern sich thailändische und kambodschanische Truppen bisweilen heftige Gefechte an einem umstrittenen Grenzabschnitt, die auch am Montag wieder von Neuem aufgeflammt sind. Dabei wurden mindestens fünf Menschen getötet, Tausende von Anwohnern wurden evakuiert.

Im Zentrum der Auseinandersetzungen steht der Preah-Vihear-Tempel, ein Khmer-Hindutempel aus dem neunten Jahrhundert, der unmittelbar auf der Grenze zwischen Thailand und Kambodscha liegt. 1962 hatte der Internationale Gerichtshof in Den Haag den Tempel klar Kambodscha zugesprochen. Thailand hat diese Entscheidung nie akzeptiert und erhebt weiterhin Anspruch auf die Tempelanlage.

Seit dem Gerichtsurteil konzentriert sich der Streit auf ein 4,6 Quadratkilometer großes Areal, das sich vor dem Tempel befindet. Die Grenze wurde hier nie klar demarkiert. 2008 nahm der Streit an Schärfe zu: Die Unesco nahm Preah Vihear in die Liste des Weltkulturerbes auf und ordnete den Tempel Kambodscha zu. Thailand protestierte scharf. Im Oktober desselben Jahres kam es zu den ersten Schusswechseln zwischen Soldaten beider Staaten. Im April 2009 wurde der Tempel bei weiteren Kämpfen beschädigt.

Auch dieses Mal ist der Tempel bei den Kämpfen offenbar beschädigt worden. Ein Flügel des Bauwerks sei infolge von „Bombardement durch thailändische Truppen“ eingestürzt, erklärte die Regierung in Phnom Penh. Auf Aufnahmen verschiedener Fernsehsender sind zumindest Einschusslöcher zu erkennen. Thailand wies die Erklärung zurück, entgegnete jedoch, Kambodscha habe den Tempel in eine „Militärbasis“ verwandelt.

Die Spannungen zwischen beiden Staaten haben in den vergangenen Wochen enorm zugenommen. Grund dafür war auch ein bizarrer Vorfall, der sich Ende Dezember ereignet hat: Sieben Politiker und Aktivisten aus Thailand, unter ihnen ein Abgeordneter der regierenden Democrat Party, waren auf kambodschanisches Territorium vorgedrungen und dort von Soldaten festgenommen worden.

Bangkok protestierte zunächst, ruderte jedoch zurück, nachdem Aufnahmen – offenbar von den Aktivisten selbst gefilmt – im Internet auftauchten, die belegten, dass die Gruppe wissentlich auf kambodschanisch kontrolliertes Territorium vorgedrungen war. Vergangene Woche wurden fünf der Aktivisten von einem Gericht in Phnom Penh zu Bewährungsstrafen verurteilt und freigelassen. Veera Somkwamkid, einer der Anführer des „Thai Patriot Networks“ (TPN), und sein Assistent wurden jedoch wegen „Spionage“ zu acht und sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

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