Politik : Grenzüberschreitende Buchpreisbindung: Kultur-Anachronismus (Kommentar)

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Die Buchpreisbindung ist, was früher der Ladenschluss war: Ganz gleich, was der Verbraucher will, der Staat will ihn daran hindern. Und in beiden Fällen geschieht das natürlich nur zu seinem Schutz. Beim Ladenschluss war es die kostbare Freizeit, die sich der Verbraucher gefälligst nicht durch spätabendliche Einkäufe ruinieren lassen soll. Bei der Buchpreisbindung ist es die kostbare Kultur, die ohne das Gesetz vor die Hunde gehen würde. Jedenfalls im deutschsprachigen Raum, im Einzugsgebiet der Dichter und Denker, wissen offenbar nur die Regierungen, was das Beste für ihre Bürger ist. Hier gilt der Grundsatz, dass nicht-subventionierte Kultur missraten sein muss, nicht etwa als Armutszeugnis, sondern als Beweis einer besonders hohen zivilisatorischen Wertschätzung der Kunst. Deshalb gehört der freie Markt, dieser Barbar des guten Geschmacks, gebannt. Beim Ladenschluss hat es zehn Jahre gedauert, bis sich die Dogmen als unglaubhaft erwiesen. Bei der Buchpreisbindung dürfte das kaum schneller gehen. Gestern hat die EU einige Razzien bei deutschen Verlagen durchgeführt. Brüssel prüft, ob es illegale Absprachen zum Boykott von Internet-Buchhändlern gibt. Ob sich dieser Verdacht erhärtet, ist fast nebensächlich. Denn allein als Stichelei gegen den deutschen Kultur-Anachronismus lässt sich die Aktion begrüßen. Beim Ladenschluss fing die Durchlöcherung mit Tankstellen und Türkenläden an. Bei der Buchpreisbindung sind es die EU und das Internet.

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