Griechenland : „Die Frage ist, wann die Schläge zu Kugeln werden“

Der Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Athen, Christos Katsioulis, erklärt im Interview, wie es um die Stimmung in der Bevölkerung wenige Tage vor der Schicksalswahl bestellt ist.

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Anhänger der rechtsextremen Partei Goldene Morgenröte versammeln sich in Athen.
Anhänger der rechtsextremen Partei Goldene Morgenröte versammeln sich in Athen.Foto: Reuters

Herr Katsioulis, Sie haben im vergangenen Monat Ihre Arbeit in Athen aufgenommen. Wie wird man als Deutsch-Grieche dort willkommen geheißen?

Erstaunlich gut. In jedem Fall ist die Darstellung einiger deutscher Medien, dass es große Vorbehalte der Griechen gegen Deutsche gibt, etwas übertrieben.

Am Sonntag wird in Griechenland erneut gewählt. Wie muss man sich die Stimmung in der Bevölkerung in der Woche vor der Wahl vorstellen?

Die Stimmung ist eingefroren. Die Menschen sind wie gelähmt und hoffen, dass es am Ende der Woche gut ausgeht. Die politische Szene ist von dieser Stimmung teilweise abgekoppelt. Die Parteien verhalten sich wie bei vorangegangenen Wahlen. Dabei wird aber überhaupt nicht berücksichtigt, dass sich die politische Landschaft in Griechenland massiv verändert hat und dass die alten Gewissheiten nicht mehr zählen.

Der Sprecher der rechtsextremen Partei Goldene Morgenröte, Ilias Kasidiaris, hat in einer Talkshow zwei linke Parlamentarierinnen attackiert. Geht die politische Kultur in Griechenland vor die Hunde?

Ein Bekannter kommentierte den Angriff so: Die Beschimpfungen wurden zu Joghurt-Würfen, die Joghurt-Würfe wurden zu Schlägen – und die Frage ist nur, wann die Schläge zu Kugeln werden.

Christos Katsioulis leitet das Büro der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Athen, das vor drei Wochen eröffnet wurde.
Christos Katsioulis leitet das Büro der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Athen, das vor drei Wochen eröffnet wurde.Foto: R/D

Sprich: Man muss leider in Griechenland feststellen, dass die Gewalt – sowohl verbal als auch körperlich – im politischen Diskurs zugenommen hat. Das gilt zum einen für die Rechtsfaschisten, zum anderen aber auch für die Linksextremen, die politische Gegner immer wieder körperlich angreifen.

Sehen Sie hier im Video den Eklat in der Talkshow:

Wie stehen die beiden Parteien in der Mitte, die sozialistische Pasok und die konservative Nea Dimokratia, vor der Wahl am Sonntag da?

Bei der letzten Parlamentswahl am 6. Mai hat sich die Wählerschaft dieser beiden Parteien kurzerhand halbiert. Das Dilemma für die griechischen Wähler besteht darin, dass sie einerseits diese beiden Parteien für die desaströse Lage verantwortlich machen. Auf der anderen Seite gibt es in der politischen Landschaft kaum andere Parteien, die eine pro-europäische Position vertreten. Für viele Griechen ist es die Wahl der Qual: Sollen sie diejenigen wählen, die sie in die Krise hineingebracht haben oder diejenigen, die möglicherweise die Mitgliedschaft Griechenlands in der Euro-Zone gefährden?

Ist das viel diskutierte Szenario, wonach Griechenland bei einem Wahlsieg der linksextremen Syriza aus der Euro-Zone ausscheiden könnte, in Hellas überhaupt ein Thema?

Jede Äußerung in Deutschland über einen möglichen Austritt Griechenlands wird hier sehr genau zur Kenntnis genommen. Gleichzeitig wird gefragt: Wie ernst müssen wir das nehmen? Sind die Europäer wirklich bereit, das „Grexit“-Szenario durchzuziehen? Die Leute haben einfach Angst um ihre Zukunft. Und sie verbinden eine positive Zukunft – um es vorsichtig auszudrücken – doch eher mit einer Mitgliedschaft in der Euro-Zone.

Gehen die Parteien davon aus, dass das „Grexit“-Szenario nur ein Bluff ist?

Das ist sicherlich die Haltung von Syriza. Diese Partei argumentiert nach dem Muster: Die Europäer werden uns nicht fallen lassen, weil sie mehr verlieren werden als wir. Das Argument hinkt allerdings ein bisschen. Ein griechischer Journalist hat für die Haltung der Syriza folgendes Bild benutzt: Der Fahrer eines Schrottautos fährt gegen die Fahrtrichtung in eine Einbahnstraße und sagt: Der Jeep-Fahrer, der mir entgegenkommt, wird mich schon nicht rammen, weil es für ihn teurer wird als für mich.

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