Griechenland : Diesmal fällt der Urlaub aus

Resignation? Die Griechen ändern wegen der Krise ihr Leben – und streiken immer weniger. Viele müssen nun an allen Ecken und Kanten sparen.

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Früher ging Manos Reppas am Wochenende gern mit seiner Frau ins Kino. Dann kam die Krise. „Jetzt denken wir zweimal nach, bevor wir 20 Euro für einen Kinobesuch ausgeben“, sagt der 34-Jährige. Manos ist im öffentlichen Dienst beschäftigt. Er fährt einen Müllwagen im nordgriechischen Thessaloniki. Bis zum Frühjahr verdiente er mit Überstunden und allerlei Zulagen rund 1250 Euro im Monat. Dann setzte der sozialistische Premier Giorgos Papandreou sein Sparprogramm um. Die Zulagen der Staatsbediensteten wurden gekürzt, Überstunden abgeschafft, Weihnachts-, Oster- und Urlaubsgeld zusammengestrichen.

Mit den Einsparungen will Papandreou sein Land vor dem Staatsbankrott bewahren. Manos bekommt jetzt nur noch rund 1000 Euro brutto im Monat, eine Einbuße von 20 Prozent. Auch seine Frau Nadja, die in einer Keksfabrik arbeitet, verdient jetzt weniger. „Unser Jahreseinkommen wird sich unter dem Strich um fast 10 000 Euro verringern“, hat Manos ausgerechnet. Die Familie spart, wo es geht. Kinovergnügen sind ebenso gestrichen wie Restaurantbesuche. Urlaub? „Nicht in diesem Jahr“, sagt Nadja. Auch die Pläne für ein zweites Kind hat das Ehepaar erst mal aufgeschoben.

Neulich gingen wieder tausende Griechen auf die Straße: Die Beamtengewerkschaft Adedy hatte zum Streik aufgerufen. „Wir wollen für die Krise nicht bezahlen“, skandierten die Demonstranten. Manos winkt ab. Er hat nicht gestreikt. „Das bringt doch nichts“, sagt er. „Die Regierung wird nicht nachgeben – das kann sie ja gar nicht.“ So denken immer mehr Griechen. Von Mal zu Mal beteiligen sich weniger Menschen an den Streiks.

Die Krise hat das Leben der Griechen verändert. Auch das von Theodoros Marinos. Er betreibt eine Tankstelle an der Nationalstraße 1, die von Thessaloniki nach Athen führt. „Der Absatz ist dramatisch eingebrochen“, berichtet der Tankstellenpächter. Vor sechs Monaten kostete eine Tankfüllung rund 50 Euro. Dann erhöhte der Finanzminister mehrfach die Treibstoffsteuern. Auch die Mehrwertsteuer wurde seit dem Frühjahr bereits zweimal erhöht, zuletzt am 1. Juli von 21 auf 23 Prozent. Dadurch stieg der Benzinpreis binnen weniger Monate um rund 50 Prozent. Jetzt kostet eine komplette Tankfüllung 75 Euro. „Viele tanken nur noch für zehn oder 20 Euro und vermeiden jede überflüssige Fahrt“, sagt Tankstellenpächter Marinos. Die Waschanlage steht meist still, einen Tankwart hat er bereits entlassen müssen.

Nicht nur beim Benzin sehen die Griechen aufs Geld. Auch der Einzelhandel klagt über ausbleibende Kunden. Und jene, die kommen, geben weniger aus. Der Lebensmittelhandel meldet für das erste Halbjahr einen Umsatzrückgang von rund fünf Prozent. Der Verkauf von Waschmitteln ging sogar um mehr als 14 Prozent zurück, meldet das Marktforschungsunternehmen IRI Hellas. Die Griechen waschen nicht nur weniger, sie rauchen auch nicht mehr so viel. Bisher waren sie zwar die Europameister im Zigarettenkonsum. Aber schon drei Mal in diesem Jahr hat Finanzminister Giorgos Papakonstantinou die Tabaksteuer erhöht. Die Packung Zigaretten hat sich um die Hälfte verteuert. Das verleidet immer mehr Hellenen den blauen Dunst.

Das spürt auch Napoléon Papadopoulos. An der Stadiou-Straße in Athen betreibt er ein „Periptero“ – so heißen die Zeitungskioske in Athen, die neben Presseerzeugnissen tausend Kleinigkeiten verkaufen – und vor allem Zigaretten. „Mein Zigarettenumsatz ist um 30 Prozent eingebrochen“, klagt der Kioskhändler, der selbst Nichtraucher ist. Er will jetzt sein Sortiment an Süßigkeiten erweitern und so versuchen, die Einbuße wenigstens zum Teil wettzumachen.

Auch Miltos Sotiropoulos denkt über ein neues Geschäftsmodell nach. Er hat einen Gebrauchtwagenhandel an der Vouliagmenis-Avenue. Aber wer kauft jetzt ein Auto? Im Mai gingen die Neuzulassungen in Griechenland gegenüber dem Vorjahr um 54,4 Prozent zurück. Sotiropoulos trifft die Flaute besonders hart. Denn sein Angebot besteht vor allem aus schweren Geländewagen: Gut zwei Dutzend Porsche Cayenne, BMW X5, Range Rover, Jeeps und Mercedes ML braten auf seinem Parkplatz in der Sonne. „Die stehen wie Blei“, klagt der Händler. Nicht nur die neue Luxussteuer, die Finanzminister Papakonstantinou auf große Autos erhebt, verschreckt die Käufer. Die Halter solcher Fahrzeuge müssen künftig auch mehr Einkommensteuer bezahlen, unabhängig davon, welches Einkommen sie deklarieren – die Luxuskarossen gelten fortan als Reichtumsindiz.

Ein neues Auto? Manos ist zwar PS-begeistert, aber der alte Golf muss noch einige Jahre durchhalten. „Auch damit kann ich leben“, sagt der junge Mann schicksalsergeben. Wie viele Griechen, hat er resigniert. Manos fügt sich in das Sparprogramm – auch aus der Einsicht: „So konnte es ja nicht weitergehen im öffentlichen Dienst.“ Erst im Januar gingen zwei seiner Kollegen in Pension – der eine war 55, der andere 57. Beim Staatsfernsehen ERT, hat Manos gehört, gibt es sogar Redakteure, die mit 48 ein Ruhegeld kassieren. Manos wird wohl bis 65 arbeiten müssen.

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