Griechenland-Hilfe : Erst kam das Bier

Das von Schulden geplagte Griechenland hofft auf deutsche Investitionen – wie schon in der Vergangenheit.

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Es geht nach unten. Ein Ladenbesitzer in Athen vor seinem Geschäft – er muss Kunden mit heftigen Rabatten locken. Foto: Reuters
Es geht nach unten. Ein Ladenbesitzer in Athen vor seinem Geschäft – er muss Kunden mit heftigen Rabatten locken.Foto: Reuters

„Nehmen Sie den“, sagt der Verkäufer des Athener Elektrokaufhauses Kotsovolos und zeigt auf den Grundig-Fernseher, „das ist deutsche Qualität.“ Stimmt zwar nicht, denn die Marke Grundig gehört seit drei Jahren dem türkischen Arcelik- Konzern, und die Geräte laufen in der Nähe von Istanbul vom Band. Aber die Anekdote zeigt: In Griechenland hat der deutsche Name Grundig immer noch einen guten Klang – trotz aller Missverständnisse, Irritationen, auch Feindseligkeiten, die anlässlich der griechischen Schuldenkrise in den zurückliegenden Monaten das Verhältnis der beiden Völker belastet haben.

Wenn nun Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler deutsche Unternehmen zum Investitionsgipfel einlädt, um einen Marshallplan für das rezessionsgeplagte Griechenland auf die Beine zu stellen, dann ist auch das den meisten Griechen hoch willkommen. Denn sie wissen: Wachstum ist ein wichtiger Schlüssel zur Lösung der Schuldenkrise. Und in einem Land, in dem mehr als vier von zehn Jugendlichen ohne Arbeit sind, ist jede Investition ein Lichtblick. Übrigens auch aus deutscher Sicht: Investitionen sind besser angelegtes Geld als Hilfskredite.Es sind auch nicht die ersten: Schon 1834 eröffnete Johann Ludwig Fuchs aus Mühldorf am Inn im Athener Stadtviertel Kolonaki die erste Brauerei des Landes. Das Bier von Fuchs wurde unter der Marke Fix vertrieben – weil sich das auf Griechisch besser buchstabieren lässt. Das Bier gibt es noch heute.

Deutsche Produkte erfreuen sich traditionell bei den Griechen großer Beliebtheit: In den 1960er Jahren bestimmten VW Käfer, Opel Olympia und Ford Taunus das Straßenbild im erst spärlich motorisierten Athen. Miele-Waschmaschinen und Schaub-Lorenz-Kofferradios waren damals begehrte Luxusartikel, die sich allerdings nur wenige leisten konnten. Später wanderte rund eine Million Griechen vor allem aus dem armen Norden des Landes aus, um in Westeuropa Arbeit zu suchen. Die weitaus meisten gingen nach Deutschland. Fast alle kehrten nach einigen Jahren in ihre Heimat zurück – manche sogar im eigenen Mercedes. Und viele halfen mit, in Griechenland die Niederlassungen deutscher Firmen wie Bosch und Krupp, Beiersdorf und BASF aufzubauen. Aktuell gibt es in Griechenland etwa 140 deutsche Firmen mit rund 12 000 Beschäftigten.

Vom hohen Ansehen, das deutsche Produkte in Griechenland genießen, profitieren auch Handelsketten wie Lidl, Media Markt, Saturn und Praktiker, die seit einigen Jahren den griechischen Einzelhandel aufmischen. Aber auch griechische Großprojekte wie der Athener Flughafen, gebaut und betrieben von einem Konsortium unter Führung von Hochtief, oder die Athener U-Bahn, tragen einen deutschen Stempel. Hier kam unter anderem Siemens zum Zuge. Schon im Jahr 1900 hatte das Unternehmen seine erste Niederlassung in Athen aufgemacht. 1931 gründete Siemens die erste griechische Telefongesellschaft, die später in Staatsbesitz überging. Wenn heute der Name Siemens fällt, denken die meisten Griechen aber nicht an Telefone oder Hausgeräte, sondern an Bestechungsgelder, mit denen sich das Unternehmen in früheren Jahren lukrative Staatsaufträge gesichert haben soll. Der griechische Siemens-Schmiergeldskandal ist immer noch nicht durchleuchtet – und er überschattet, wie auch die mutmaßlichen Bestechungszahlungen bei der Lieferung deutscher U-Boote und Trolleybusse, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern.

Deutschland ist heute, neben Italien, Griechenlands wichtigster Handelspartner. Deshalb bekommen auch deutsche Unternehmen die Krise zu spüren. Nicht nur die Nachfrage nach deutschen Kraftfahrzeugen und Hausgeräten ist eingebrochen. Auch Großprojekte, wie der Bau fünf neuer Autobahnen, sind betroffen. Solche Erfahrungen dämpfen natürlich die Begeisterung der Investoren.

Dennoch biete Griechenland jetzt „gute Investitionsmöglichkeiten“, meint Dimitris Daskalopoulos, der Präsident des Industrieverbands. Chancen sieht er vor allem im Logistikbereich, bei der Umwelttechnologie sowie im Energiesektor. So soll bei Kozani das größte Photovoltaik- Kraftwerk der Welt entstehen. Zu den Konsortien, die sich um eine Beteiligung bewerben, gehören auch fünf deutsche Firmen. Solarenergie gilt als der große Renner. Denn Griechenland mag zwar in der tiefsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg stecken, und entsprechend trüb ist die Stimmung der Menschen. Aber die Sonne scheint nach wie vor.

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