Politik : Griechenland und Türkei: Gestörte Flitterwochen

Thomas Seibert

Wunder dauern etwas länger. Als sich türkische und griechische Außenpolitiker im vergangenen Jahr ewige Freundschaft schworen, war plötzlich keine Rede mehr von der traditionellen Rivalität, die bis dahin die Beziehungen zwischen beiden Nachbarstaaten bestimmt hatte. Getragen von einer noch nie dagewesenen Welle der Sympathie zwischen Türken und Griechen, die sich nach den beiden Erdbeben in ihren Ländern gegenseitig zur Hilfe eilten, machten sich Ankara und Athen an den Neuanfang. Doch der gestaltet sich schwierig. Während Gespräche über harmlose Themen wie Tourismus und Handel gut vorankamen, gab es in den Knackpunkten - dem Zypern-Problem und den gegenseitigen Gebietsansprüchen in der Ägäis - bisher keine Fortschritte. "Natürlich werden unsere bilateralen Probleme, die zum Teil mit jahrhundertealten Vorurteilen und Fehleinschätzungen zu tun haben, nicht einfach so verschwinden", räumt der türkische Außenminister Ismail Cem inzwischen ein.

Anders als die Politiker haben viele "normale" Menschen in beiden Nachbarstaaten nur wenig Berührungsängste. Obwohl sich Türken und Griechen lange Jahre gegenseitig in den Medien und sogar in den Schulbüchern verteufelten, habe sich die Bevölkerung in beiden Ländern davon nicht völlig verblenden lassen, meint der Journalist Stelyo Berberakis, einer der wenigen Korrespondenten türkischer Medien in Athen. Deshalb hätten sich die Menschen auch nicht davon stören lassen, dass auf politischer Ebene nichts vorangehe. Tatsächlich haben Begegnungen zwischen Türken und Griechen seit dem vergangenen Jahr erheblich zugenommen. So können türkische Touristen jetzt ohne langes Warten auf ein Visum griechische Inseln vor ihrer Küste besuchen und tun das auch; ehemalige griechische Bewohner Istanbuls kehrten für ein paar Tage in ihre alte Heimatstadt zurück.

Auch die Militärs aus beiden Ländern haben weniger Probleme im Umgang miteinander als die Politiker. Türkische Soldaten nahmen vor einigen Wochen erstmals an Militärübungen auf griechischem Boden teil, und auch auf sozialer Ebene verstehen sich zumindest einige Soldaten offenbar bestens. So ließen sich der ehemalige türkische Marine-Chef Salim Dervisoglu und sein griechischer Amtskollege Yuannis Yorgos beim gemeinsamen Feiern in einem Restaurant fotografieren - vor vier Jahren wären die Seestreitkräfte beider Länder noch beinahe aufeinander losgelassen worden, weil sich Ankara und Athen um den Besitz einer Felseninsel stritten.

"Fast täglich überqueren Politiker, Bürgermeister, Geschäftsleute, Gewerkschafter, Künstler, Schriftsteller, Sportler und Studenten die Ägäis, um sich gegenseitig zu besuchen", hat Cem beobachtet. Der in den Worten des türkischen Außenamtschefs mitschwingende Stolz kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die hohe Politik Ähnliches nicht zu bieten hat. Cem und sein griechischer Amtskollege Giorgos Papandreou verbreiteten in den vergangenen Monaten bei ihren vielen Treffen zwar Optimismus, aber an der Substanz der bilateralen Probleme hat sich nichts geändert. Und jetzt ist sogar die Besuchsdiplomatie ins Stocken geraten: Kürzlich wurde eine Begegnung Cems mit Papandreou abgesagt.

Auch der Ton zwischen den Regierungen wird schärfer. Cem warf den Griechen vor, die türkische Minderheit im Westen des Landes zu unterdrücken. Der griechische Verteidigungsminister Akis Tsohatzopoulos warnte, die Türkei habe "keine Chance" auf die angestrebte EU-Mitgliedschaft, wenn sie sich in der Zypern-Frage nicht bewege. "Sind die Flitterwochen zu Ende?" fragte der angesehene türkische Leitartikler Sami Kohen in der Zeitung "Milliyet". Kohen stellte enttäuscht fest, Griechenland sei gewillt, den "EU-Faktor als Waffe" gegen die Türkei einzusetzen, sprich: Ankara mit Hinweis auf die türkischen EU-Ambitionen zu erpressen.

Bisher hat das wieder eingesetzte Frostwetter zwischen den Politikern den neuen Freundschaften zwischen den Menschen in der Türkei und Griechenland nichts anhaben können. Doch leider, so Leitartikler Kohen, gelte auch das Gegenteil: Die neuen Bande zwischen den Menschen in beiden Ländern sind noch nicht stark genug, um auch die widerwilligen Politiker mittragen zu können.

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