Politik : Griff an die atlantische Achse

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Es war nur eine Geste, eine Sekunde lang, ein Herzschlag im Medienrauschen des G-8-Gipfels. Der US-Präsident setzt einen Doppelgriff in Angela Merkels Nacken an, drückt – sie zuckt zusammen und wirft die Arme nach hinten, wie sie es im Selbstverteidigungskurs des örtlichen Mädchen- und Frauenzentrums gelernt haben könnte. Und lächelt, so, als würde sie lieber schreien, dürfe aber nicht.

Dann ist es auch schon vorbei. Bush geht weiter, grinst ein wenig, und die Bundeskanzlerin richtet ihren wie stets etwas hochgerutschten Blazer. Der Einsatz von Pfefferspray steht nicht mehr zur Debatte, weil der Aggressor bereits weg ist. Weiter zur Weltpolitik!

Was war das? Hatte die Kanzlerin Bushs Mutter beleidigt, wie das im politischen Stellungskampf manchmal vorkommt? Es dauerte ein paar Tage, bis das erste Erschrecken tiefgründiger Analyse wich, bis das Internet schließlich seine Funktion als Bilder-Tauschbörse erfüllte und den Bush-Übergriff nun in unzähligen Varianten vorstellt: „Bush gropes Merkel“ ist das Stichwort, Bush begrapscht Merkel; den richtigen Sound erreichen wir durch die Aussprache „Mörkel“. Aber war es nun subtile sexuelle Belästigung im Vorbeigehen? Oder hat sich der Präsident nur benommen wie der typisch texanische Onkel beim Familien-Barbecue?

Beides wäre merkwürdig. Denn wir wissen, dass sich ein US-Präsident akribisch auf derlei Gipfel vorbereiten lässt und nichts tut, was nicht mindestens mittelwichtig wäre. Haben also CIA-Mediziner auf geklauten Merkel-Röntgenbildern eine Schiefstellung des vierten Halswirbels erkannt und wollten helfen? Oder war es ein warnender Griff an die atlantische Achse, wo sie am heftigsten schmerzt? Ein Griff ins Tagesspiegel-Archiv zeigt die jahrzehntealte Bedeutung der Massage für die US-Politik: „USA massieren Kriegsschiffe vor Vietnams Küste“, heißt es dort.

Wir werden die weitere Entwicklung abwarten müssen. Mag sein, dass Chancellor Mörkel sich demnächst beim Gegenbesuch auf Bushs Ranch revanchiert und dem amerikanischen Freund irgendwo hingreift. Vermutlich ist ein Referent gerade dabei, die möglichen Stellen aufzuschreiben und das Für und Wider abzuwägen. Die Überschrift steht schon: Merkel gropes Bush.

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