Grönland-Besuch : Frau Merkels neues Gespür für Eis

Kanzlerin Merkel hat sich mit Umweltminister Gabriel im Schlepptau in Grönland einen Überblick über die Auswirkungen des Klimawandels verschafft. Von der Kritik aus der Heimat an ihrem publikumswirksamen Auftritt zeigt sich die Kanzlerin irritiert.

Ulrich Scharlack[dpa]
Merkel Grönland
Bundeskanzlerin Merkel und Dänemarrks Ministerpräsident Rasmussen bei der Erforschung des ewigen Eises. -Foto: AFP

IlulissatDie Kanzlerin wollte in Grönland die Front des Klimawandels besuchen - oder wie der dänische Ministerpräsident Andres Fogh Rasmussen die größte Insel der Welt bezeichnete, das "Symbol" für die Klimaerwärmung. Und Angela Merkel erfuhr in diesen zwei Tagen zu Lande, zu Wasser und in der Luft dann auch viel darüber, sah mit eigenen Augen, wie infolge der Temperaturerwärmung die riesige Eiskappe der Insel schmilzt; wie sich die mächtigen Gletscher des Eilands zurückziehen. Dass die hellblaues Licht spiegelnden Eisgebirge, die sich über Fjorde langsam ins Meer bewegen, immer zahlreicher werden.

Schon vor ihrer Landung im Ilulissat im Westen der Insel war die Kanzlerin über die Auswirkungen des grönländischen Schmelzwassers von Fachleuten ausführlich unterrichtet worden. Und doch: Frau Merkel entwickelte in diesen Tagen ein persönliches Gespür für das Eis Grönlands. In ihrem roten Anorak war sie fasziniert von den Eisbergen, die sie im Fjord am Donnerstag nach der Ankunft bei einer Schiffstour gemeinsam mit Umweltminister Sigmar Gabriel sah. Ganz oben stand sie an Deck, an ihrer Seite Gabriel, der dänische Ministerpräsident und der grönländische Regierungschef Hans Enoksen.

Später in der Pressekonferenz wurde sie gefragt, wie es ihr gefallen habe und welche Lehren sie aus dem Besuch ziehen werde. Da betonte sie zuerst, wie sehr sie diese einzigartige Landschaft fasziniert hat, die erst allmählich von Touristen entdeckt wird. Erst danach fügte sie hinzu, dass sie natürlich auch in "dem Bewusstsein nach Hause fährt, dass sich diese Landschaft verändert".

Hubschrauberflug übers ewige Eis

Heute flog sie zum Abschluss über Teile der Insel. Sie wollte zum Eqi-Gletscher, wo das Eis eindrucksvoll direkt ins Meer stürzt, wenn es taut. Der Hubschrauber sollte sie dann auch zu einer Messstation bringen, wo internationale Wissenschaftler untersuchen, wie schnell sich Gletscher fortbewegen. Viel schneller als in der Vergangenheit, lautet das Ergebnis, die Fließgeschwindigkeit habe sich in den letzten Jahren verdoppelt.

Von 1994 bis 1998 war die Physikerin Angela Merkel Helmut Kohls Umweltministerin. Seitdem hält das Klimathema sie gefangen. Zu erreichen, dass die Menschen selbst eine Lösung finden, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, sieht sie als die schwierigste Aufgabe an, der sich die Politik gegenwärtig zu stellen hat. Alle Länder der Erde müssen nach Überzeugung der Kanzlerin entsprechend ihren Fähigkeiten mitwirken. "Ich glaube, dass vor uns für die Bekämpfung des Klimawandels sehr entscheidende Jahre liegen."

Konflikte zwischen Grönland und Dänemark

Aber die Interessen sind verschieden, selbst zwischen Dänemark und Grönland. Die Insel ist zwar autonom, Staatsoberhaupt ist aber die dänische Königin. Das schmelzende Eis wird es möglich machen, dass dort künftig leichter Bodenschätze erschlossen werden könnten. Aber wer soll die Einnahmen kassieren aus dieser Folge des Klimawandels? Rasmussen und der grönländische Ministerpräsident machten auch im Beisein Merkels keinen Hehl aus ihren Meinungsverschiedenheiten.

Enoksen beeilte sich zwar zu versichern, dass auch er den Klimawandel als schädlich empfindet - für die Jäger und Fischer, weil sich die Tierwelt und das ökologische Gleichgewicht verändern könne. Doch ein Abkommen mit Dänemark über eine Teilung des Erlöses aus dem Abbau der Rohstoffe sah er nicht. Es schien eher, als wolle er den künftigen Reichtum lieber allein den Grönländern sichern.

Opposition übt Kritik

Die Opposition hat die Reise der Kanzlerin heftig kritisiert. Sie konterte: "Wir müssen sichtbar machen, was in unserer Natur passiert." Nur so könne man die Menschen überzeugen, vielleicht auch Opfer für den Klimaschutz zu bringen. Ein wenig war die Delegation aber doch irritiert über die Reaktion in Deutschland.

Da freuten sich am Abend die Mitstreiter der Kanzlerin, dass der Papst für den 4. September eine Einladung nach Ilulissat erhalten hat. Er soll dort an einer Konferenz der großen Weltkirchen teilnehmen. "Dann wird zu Hause alle Kritik verstummen", hieß es aus Merkels Delegation. "Dann haben wir ja praktisch die Vorausreise für den Papst gemacht."

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