• Größte Demonstrationen in Portugal seit Ende der "Nelkenrevolution" für ein Ende der Gewalt in Ost-Timor

Politik : Größte Demonstrationen in Portugal seit Ende der "Nelkenrevolution" für ein Ende der Gewalt in Ost-Timor

Ralph Schulze

Portugals Fußballteams spielen mit schwarzen Binden, an vielen Denkmälern der Hauptstadt Lissabon flattern riesige Trauerbänder. "Ost-Timor stirbt, Portugal weint", prangt auf Protestplakaten, mit denen seit Tagen Demonstranten durch die Städte ziehen. Das ganze Land scheint auf den Beinen, um seine Empörung über den Völkermord der indonesischen Armee in der früheren Kolonie und vor allem Solidarität mit den dort lebenden Timorern zu bekunden. Hunderttausende Menschen folgen dem Aufruf der portugiesischen Medien, derzeit nur weiße Kleidung als Zeichen des Friedens zu tragen; Tageszeitungen erschienen mit weißen Seiten.

An den Nächten dieses Wochenendes wurden auf dem Gelände der Weltausstellung in Lissabon Zehntausende von Kerzen entzündet, um den Opfern des neuen Gewaltausbruchs zu gedenken. In allen Städten des Landes schalteten die Menschen um neun Uhr abends für einige Minuten alle elektrischen Lichter aus. Am Tage gingen allerorten indonesische Fahnen in Flammen auf. Portugal, bis heute formell Verwaltungsmacht Ost-Timors, erlebt in diesen Tagen die größten Demonstrationen des Landes seit der "Nelkenrevolution" 1974, und zwar über sämtliche politische und gesellschaftliche Grenzen hinweg. Jeglicher Parteienzwist scheint vergessen - und das einen Monat vor den Parlamentswahlen.

Wie ein Held wurde der aus seinem Land geflohene timorische Nobelpreisträger, Bischof Belo, in Lissabon empfangen. Er bedankte sich bei den Portugiesen am Sonntag in der Salesianer-Kirche der Hauptstadt mit einer Predigt, in der er zur "Versöhnung" in seiner Heimat aufrief. Zugleich forderte er, die indonesischen "Kriegsverbrecher" einem internationalen Gericht zu übergeben. Am Montag reist Belo weiter zu einem Treffen mit dem Papst nach Rom.

Unterdessen bereitet Portugals Regierung den Abflug von 1000 Soldaten nach Timor vor: Elitetruppen der Armee und Marine. Hinzu sollen zwei Fregatten und Flugzeuge in Marsch gesetzt werden. Zunächst wird die portugiesische Eingreiftruppe in Australien stationiert. Von dort soll es dann zusammen mit den Einheiten anderer Länder unter australischem Oberkommando Richtung Timor gehen - sobald die politischen wie militärischen Voraussetzungen erfüllt sind. Auch ein 55-köpfiges Team aus Ärzten, Schwestern und Katastrophenhelfern steht in Lissabon zum Abflug bereit.

Zehntausende Portugiesen kamen am Sonntagnachmittag in die spanische Hauptstadt Madrid, um vor der indonesischen Botschaft "für die Unabhängigkeit Ost-Timors" und "gegen den Völkermord" zu demonstrieren. Die Menschen waren in Sonderzügen, Flugzeugen, Hunderten von Bussen und Tausenden von Privatwagen nach Madrid gekommen. Viele Spanier schlossen sich spontan der Massenkundgebung vor der schwer bewachten Botschaft an. In Portugal unterhält Indonesien wegen des Ost-Timor-Streits keine diplomatische Vertretung.

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